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14.06.2006
Fritz Wunderlich

Wunderlich Privat: Wie Wunderlich!

Fritz Wunderlich, Wunderlich Privat: Wie Wunderlich!

In den Sechzigern wurden Tonbandgeräte handlicher. Zwar waren es im Vergleich zu heute noch immer Ungetüme, die da in ambitionierten Musik-Haushalten Einzug hielten. Aber sie boten zumindest die Möglichkeit, Fremdes und Eigenes archivarisch festzuhalten. Und so waren sie auch für manchen Künstler ein Segen, denn er konnte auf diese Weise unabhängig von den vorhandenen Studios sich selbst via Homerecording kontrollieren, an der Ausdrucksfähigkeit und Präsenz feilen, um schließlich bereits mit einer ausgefeilten Interpretation an die Öffentlichkeit zu arbeiten. Für die Nachwelt ergibt sich daraus eine weitere Chance: Denn wenn nun private Aufnahmen eines Jahrhundertsängers wie Fritz Wunderlich aus den Hausarchiven auftauchen, zeigt sich seine Kunst von einer neuen, persönlichen, authentischen Seite.

Kennt man einen Musiker nur von der Bühne, wird vieles zum Phänomen. Denn die zahlreichen Zwischenschritte, die bis zur interpretatorischen Reife nötig sind, bleiben in der Regel verborgen. Deshalb wünschen sich nicht nur Fans, manchmal Mäuschen sein zu können. Die Deutsche Grammophon hat seit den Fünfzigern immer wieder die Möglichkeit genützt, solche mehr oder weniger privaten oder nur für Eingeweihte zugänglichen Momente etwa in Form von Probenmitschnitten großer Dirigenten öffentlich zu machen. Manchmal aber spielen auch Zufälle eine Rolle, die solche ungewohnten Augenblicke offenbaren. Fritz Wunderlich zum Beispiel nahm viel bei sich Zuhause auf. Diese Bänder waren nur für den eigenen Gebrauch gedacht, wurden von ihm auch häufig wieder überspielt, aber eben nicht immer. Manchmal waren es Skizzen, Ausschnitte von Programmen, zuweilen durch Kommentare oder spielende Kinder unterbrochen, ein anderes Mal probierte er neues Repertoire aus oder sang schlicht zum Spaß. Eva Wunderlich, die Witwe des früh bei einem Unfall verstorbenen Genius, sammelte viele dieser Dokumente und so kam es, dass auch einige der Proben- und Privataufnahmen aus den Jahren 1962-66 erhalten geblieben sind. Sie präsentieren Fritz Wunderlich, der bereits von vielen Zeitgenossen zu einem, wenn nicht gar zu dem größten Sänger der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erklärt wurde, einmal mehr als ein Naturtalent, der nahezu alles, was er sich vornahm, mit verblüffender Natürlichkeit zur Perfektion brachte.

Dabei ist es erstaunlich wenig von Bedeutung, dass die Aufnahmen von "Wunderlich privat" nicht den Stereo-Ansprüchen der Klangspezialisten entsprechen und noch dazu vor mehr als vier Jahrzehnten entstanden. Im Gegenteil: Als autorisierte Schnappschüsse aus der Künstlerwerkstatt faszinieren sie erst Recht durch ihre Präsenz und kreative Autorität. Für Rolando Villazón etwa, selbst einer der großen Sänger unserer Zeit, sind gerade solche Dokumente ein Grund für künstlerische Ehrfurcht: "Fritz Wunderlich gehört zu den Sängern, die ich keinen Moment als 'historisch' empfinde. Er klingt in seinen Aufnahmen so aktuell, so heutig, als wäre er noch unter uns. Seine Stimme ist aus einem Guss, von oben bis unten. Der Klang ist schön und konzentriert und hat zugleich Weite und Reichtum.

 

Dann diese plastische Diktion! Es ist, als könnte man die Worte, die aus dem Lautsprecher kommen, mit Händen greifen. Und er singt mit einer Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, dass man meint, Singen sei das Einfachste von der Welt". Mit dem Blick auf die "Wunderlich privat"-Aufnahmen fügt er nur noch hinzu: "Wow - das ist wunderbar!" So ist der geniale Tenor auch vier Jahrzehnte nach seinem Tod noch für Überraschungen gut - nicht nur in Form der privaten Aufnahmen, die viele Stücke präsentieren, die er wie etwa vier Lieder von Brahms, Schuberts "Abschied", Wolfs "Storchenbotschaft" oder Richard Strauss' "Cäcilie" nie im Studio festgehalten hat, sondern auch anhand einer Dokumentation, die im Herbst aus DVD erscheinen wird. Sie trägt den Titel "Fritz Wunderlich - Leben und Legende" und führt auf der Ebene der Bilder fort, was mit den Tönen angefangen hat. Denn sie zeigt eine künstlerische Persönlichkeit in vielen Facetten, die zu den Jahrhundertgestalten gehört.