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07.06.2006
Johann Sebastian Bach

Bach Goldberg - Pinnock vs. Schiff: Zärtlich und klar

Johann Sebastian Bach, Bach Goldberg - Pinnock vs. Schiff: Zärtlich und klar

Die Interpretationen könnten unterschiedlicher kaum sein. András Schiff spielt sie zärtlich, ästhetizistisch wie eine versonnene Huldigung an die Größe der Musik. Trevor Pinnock kontert klar und kristallen, orientiert am ursprünglichen Titel der "Clavier-Übung". Beide Versionen beweisen auf ihre Weise, dass die "Goldberg-Variationen" von Johann Sebastian Bach eines des Schlüsselstücke des pianistischen Barocks sind.

Bachs erster Biograf Johann Nikolaus Forkel mochte die Mythen. Also dichtete er den "Goldberg-Variationen" eine hübsche Geschichte an, die bis heute Spaß macht zu erzählen. Demnach habe der kränkliche Graf Hermann Karl von Keyserlingk im November 1741 beim großen Thomaskantor eine Komposition in Auftrag gegeben, die "so sanften und munteren Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten etwas aufgeheitert werden könnte". Bach nun wiederum habe sie daraufhin für dessen Schüler Johann Gottlieb Goldberg, er ebenfalls im Dienste des Grafen stand, geschrieben und das Werk habe den Aristokraten derart begeistert, dass er den Komponisten daraufhin mit einem wertvollen Geschenk bedachte. Inzwischen haben die Musikwissenschaftler ein wenig nachgeforscht und festgestellt, dass nicht nur Goldberg zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Werkes erst 14 Jahre alt war, sondern auch die Erstausgabe der Noten, untypisch für Auftragsgeschichten, keinerlei Widmung, sondern lediglich den umständlichen Titel "Clavier Übung bestehend aus einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit zwei Manualen" trug. Ungewöhnlich allerdings ist die relativ genaue Angabe des auszuführenden Instrumentes, auf die Bach sonst in der Regel verzichtete, und auch die ungemein kunstvolle Ausführung des Ganzen, die auf eine im Unterschied zur reinen Übung übergreifende Form der Komposition hinweist.

Fest steht jedenfalls, dass die "Goldberg-Variationen" zum Elegantesten und Ausgefeiltesten gehören, was die barocke Musik für Tasteninstrumente zu bieten hat. Und je nachdem, wie man sich als interpretierender Künstler dazu stellt, bekommt sie einen vollständig unterschiedlichen Charakter, ohne darüber ihren Kern zu verlieren. Trevor Pinnock zum Beispiel, bereits zum Zeitpunkt der Aufnahme einer der führenden britischen Cembalisten seiner Generation, hielt sich möglichst genau an die Vorgaben, die die Noten diktieren. Für seine im April 1980 entstandene Interpretation der "Goldberg-Variationen" ging er mit dem Recording Team extra in die Räume des Pariser Konservatoriums, weil dort ein zweimanualiges, von Ruckers 1646 in Antwerpen gebautes Cembalo existiert, das mit großem Farbreichtum den Ansprüchen an eine historische Deutung gerecht wird. Die entstandenen Aufnahmen wurden von der Fachpresse dementsprechend mit Lob bedacht, so dass etwa der Rezensent der Zeitschrift The Grammophone meinte: "Ihre überschäumende Lebhaftigkeit und federnden Rhythmen sind ungeheuer reizvoll, die grundsätzlich schnellen Tempi geben dem Werk einen ungewohnt fröhlichen, heiteren Charakter". Pinnocks ungarischer Kollege András Schiff hingegen ließ sich weitaus mehr Zeit und vertraute auf den inneren Rhythmus und den Fluss der Musik. Zwei Jahre nach der Einspielung des Cembalo-Spezialisten interpretierte er die "Goldberg-Variationen" als Gesamtkunstwerk auf der Basis der modernen Klaviertechnik und schuf damit eine Aufnahme, die für zahlreiche spätere Deutungen bis hin zu Murray Perahia zur Vorlage wurde.