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07.06.2006

Marc Minkowski - Mozart, Jupiter etc.: Sinfonisches Finale

Marc Minkowski - Mozart, Jupiter etc.: Sinfonisches Finale

Eben erst war Mozart in einen Wiener Vorort gezogen. Das hing wahrscheinlich mit seiner finanziellen Situation zusammen, die ihm im Frühjahr 1788 keine großen Sprünge erlaubte, obwohl mancherorts wie etwa in Prag inzwischen ein Star war. Vorteil des neuen Zuhauses war die Distanz zum Wiener Gesellschaftsleben, was dem Komponisten Zeit verschaffte, sich den Sommer über unter anderem seinen späten drei Sinfonien zu widmen. Zwei davon, die beiden letzten, hat sich Marc Minkowski nun zusammen mit seinem Ensemble Les Musiciens du Louvre vorgenommen und sie mit vorbildlicher Transparenz und Nuancierung aufgenommen.

Lange Zeit war nicht ganz klar, warum Mozart seinen letzten drei Sinfonien 1788 schrieb. Es war untypisch für ihn, ohne konkreten Auftrag zu Werke zu gehen und darüber hinaus wären andere, etwa kammermusikalische Stücke wohlmöglich besser zu verkaufen gewesen. Auf der anderen Seite hatte sein Vorbild Joseph Haydn kurz zuvor seine "Pariser Symphonien" veröffentlicht, die wie Mozarts Stücke in C-Dur, g-moll und Es-Dur stehen. Ein Briefwechsel mit seinem Gönner Puchberg lässt außerdem vermuten, dass er vorhatte, die Sinfonien quasi als Sukriptionswerke unter eigener Regie aufzuführen und somit das Interesse der betuchten Öffentlichkeit zu erregen. Jedenfalls entstanden sie im Zeitraum vom 26. Juni bis 10. August 1788 und gehören zu den ausgefeiltesten Kunstwerken, die der Komponist erschaffen hat. Die "Jupiter-Sinfonie" (KV 551) beispielsweise ist Mozarts letztes großes Orchesterwerk und sie führt einiges zu Ende. Denn während der vorangegangenen Jahre hatte sich der Komponist ausführlich mit Meistern der Vergangenheit beschäftigt, allem voran mit dem Schaffen von Johann Sebastian Bach und von dessen Sohn Johann Christian Bach. Er hatte sich mit fugalen und kontrapunktischen Gestaltungsformen befasst und sie im letzten Satz seine Sinfonie Nr. 41 in einer Perfektion verarbeitet, die bis heute staunen lässt. Denn wie im Verlauf des Finales fünf verschiedene Stimmen auf komplexe Weise zu einem Motivnetzwerk miteinander verbunden werden, gehört zum kunstvollsten, was die klassische Orchestermusik zu bieten hat. Kaum weniger raffiniert ist die Gestaltung der g-moll Symphonie (KV 550), deren extravagante Dramaturgie der Themen etwa im ersten Satz selbst für Mozart besonders gelungen scheint und das Werk in unmittelbare Nähe zu den anderen großen Moll-Stücken wie den beiden Klavierkonzerten d-Moll (KV 466), c-moll (KV 491) und dem Streichquintett g-moll (KV 516) stellt.
 
Als widerlegt kann inzwischen die These gelten, der Komponist habe die Sinfonien niemals live erlebt. Vielmehr scheint anhand der Bearbeitungskopien das Gegenteil der Fall gewesen zu sein, dass etwa die g-moll Sinfonie eben gerade mit ihm gemeinsam vorbereitet worden sein könnte, da es Streichungen und Umarbeitungen gibt, die direkt aus der Phase einer Aufführung heraus zu erklären sind. Jedenfalls bezieht sich der Spezialist für undogmatisch vollzogene historische Interpretationen Marc Minkowski zum Beispiel bei deren zweiten Satz auf eben diese modifizierte Fassung, die ihm stimmiger erscheint als die ursprüngliche. So oder so ist die Version, die er mit seinem Ensemble Les Musiciens du Louvre aufgenommen hat von außergewöhnlicher Emotionalität bei gleichzeitig profunder Kontrolle der dramatischen Mittel bestimmt. Minkowski gelingt in beiden Fällen wie auch in der dem "Idomeneo" entnommenen Ballettmusik das Kunststück, historisch korrekt zu erscheinen, ohne dass dadurch der Interpretation die Aktualität abhanden kommt. Die Aufnahmen entstanden im Oktober 2005 im Auditorium des Maison de la Culture in Grenoble, einem Saal, der Minkowskis Vorstellung von ausbalancierter Akustik sehr nahe kommt. So klingen diese Sinfonien authentisch und zeitgemäß zugleich und entsprechen damit einem Ideal der Darstellung, das weit über die Norm hinaus reicht.