Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

31.05.2006
Richard Wagner

R.Wagner: Tannhäuser - Die Tücken des Eros

Richard Wagner, R.Wagner: Tannhäuser - Die Tücken des Eros

Prall gefüllt mit Programmatik schickte Richard Wagner seinen "Tannhäuser" in die Opernwelt. Das ist Romantik pur, wenn der Minnesänger am Anfang des Werkes die erotischen Früchte seiner Huldigungen im Übermaß auf dem Venusberg der femme fatale schlechthin genießen darf. Das ist natürlich auch bürgerliche Prüderie, wenn er und seine eigentliche, durch die Tücken der Lust unerreichbae Liebe Elisabeth am Ende jeder auf seine Weise als Strafe für ihre Wünsche und Lebensweisen sterben müssen. In jedem Fall ist es ein Stoff, der schnell zum Skandal auf der einen Seite und zum Moraldrama auf der anderen sich entwickeln kann. Der Metropolitan Opera war es jedoch in den Siebzigern gelungen, beide Extreme zu vermeiden und eine Version zu inszenieren, die sich trotz aller Fülle sehr nahe an die Vorgaben des Komponisten hält. Sie sei "ein Meilenstein in der Geschichte der Wagner-Aufführungen im 20. Jahrhundert" urteilte daraufhin der Kritiker der New York Times. Nun ist die Film-Aufzeichnung der Wiederaufnahme des Bühnenereignisses auf DVD erschienen, ein Fest für alle traditionsbewussten Wagner-Freunde.

Einige Jahre nachdem die erste Fassung der Oper geschrieben und in Dresden uraufgeführt worden war, meinte Wagner. "Es war eine verzehrend üppige Erregtheit, die mir Blut und Nerven in fiebernder Wallung erhielt, als ich die Musik des 'Tannhäusers' entwarf und ausführte". Und dieses besondere Verhältnis zu seinem Werk hielt bis zuletzt an. Noch wenige Wochen vor seinem Tod im Januar 1883 meinte er Cosima gegenüber, er sei der Welt noch einen "Tannhäuser" schuldig, den er "als Drama vollendet ansieht und auch wieder nicht, weil in der Musik ihm einiges zu wenig ausgeführt dünkt." Genau genommen arbeitete Wagner über vier Jahrzehnte hinweg stetig an der Perfektionierung seiner Oper, realisierte zum Beispiel für die Pariser Aufführung, die am 13. März 1861 auf Geheiß von Napoleon III stattfand, in indirekter Anknüpfung an die Emphase des 1859 entstandenen "Tristan" die erste Szene auf dem Venusberg als groß angelegte und für damalige Verhältnisse anzügliche Pantomime. Das war selbst für die Pariser Opernschnösel im Publikum ein wenig heftig, führte zu Pamphleten und Ablehnung in der bürgerlichen Presse, aber auch zu begeisterten Elogen aus der Feder von Charles Baudelaire und den Jüngern des französischen Wagnérisme. Insgesamt gab es schließlich vier ausgedehnte Stadien der Bearbeitung: das Original (entstanden zwischen 1842 und 1845, uraufgeführt in Dresden am 19. Oktober 1845), eine von Meser herausgegebene Version (1860, mit Änderungen, die zwischen 1847 und 1852 entstanden), die Pariser Fassung (1861) und die autorisierte Wiener Variante (1875, vollständig veröffentlicht posthum 1888).

Die Metropolitan Opera orientierte sich an der Vorlage von 1861. Sie hielt sich überhaupt eng an die Vorgaben, die Richard Wagner seiner Oper auf den Weg gab. Otto Schenk wollte für die Neuaufnahme des Werkes, die 1977 Premiere hatte, eine Inszenierung, die möglichst historisch und authentisch wirkte, ohne dabei altbacken zu sein. Und sein Team setzte diese Vorstellung durchaus einfühlsam um. Der Venusberg des Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssens etwa hätte einer Bühnenskizze des 19.Jahrhunderts entsprungen sein können, seine Wartburg wiederum übernahm deutlich Raumdetails des echten Gebäudes. Die Kostüme von Patricia Zipprodt changierten zwischen Cranach'schem Bürgerrealismus und romantischer Mittelalterphantasie, das Beleuchtung wiederum blieb dezent und tauchte die meisten Geschehnisse in ein Zwielicht, das dem Innenleben der handelnden Figuren entspricht. Richard Cassilly mimte einen ungemein energischen, von seinen Sinnen getriebenen Tannhäuser, Bernd Weikl einen lauteren, ein wenig schüchternen Wolfram, Tatiana Troyanos eine vollmundige Venus und Eva Marton eine erschütternd tugendreiche Elisabeth. Das Ganze kombiniert mit James Levines umsichtiger und entschlossen zupackender Orchesterführung und der sachkundigen Kameraregie von Brian Large entstand auf diese Weise eine Opernaufzeichnung mit großer historischer und künstlerischer Relevanz. Denn näher an den Vorstellungen Richard Wagners kann man den "Tannhäuser" kaum noch präsentieren.