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17.05.2006
Giacomo Puccini

G.Puccini - La Bohème: Die ideale Mimi

Giacomo Puccini, G.Puccini -  La Bohème: Die ideale Mimi

Für Mirella Freni war die Mimi die Eintrittskarte zum Erfolg. Zwar war die Sopranistin aus Modena als junge Frau auch durch andere Rollen wie Bizets "Carmen" aufgefallen, doch erste Puccinis zerbrechlich-charmante Frauengestalt machte sie international berühmt. Mit ihr gewann sie 1957 den Viotti-Wettbewerb in Vercelli, mit ihr feierte sie Anfang der Sechziger Erfolge an den Scala und 1965 an der Met. Dabei wurde sie auch von Herbert von Karajan unterstützt, der in Freni eine ideale Verkörperung der Rolle sah und ihr deshalb auch die Partie in der Verfilmung der Scala-Inszenierung von "La Bohème" überantwortete. Es wurde eine in mancher Hinsicht historische Aufnahme, die nun auf DVD erschienen ist.

Als "La Bohème" im Januar 1896 im Teatro Regio von Turin uraufgeführt wurde, konnte es sich ein Kritiker vor Ort nicht verkneifen, das Werk genüsslich zu verreißen: "La Bohème macht nicht nur auf das Gemüt der Zuhörer nur geringen Eindruck, sie wird auch in der Geschichte unserer Oper kaum eine Spur hinterlassen. Der Komponist sollte sie als vorübergehenden Fehltritt betrachten und getrost den rechten Weg weitergehen". Tatsächlich hatte es schon vor der Premiere einige Probleme gegeben. Der größte Hemmschuh war Giacomo Puccini selbst. Denn erfolgreich und unsicher zugleich, schikanierte er seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, die aus der Vorlage Henry Murgers "Scènes de la vie de Bohème" eine Oper zu schnitzen versuchten, bis sie zeitweilig das Handtuch warfen. Immerhin schaffte er es, die Partitur sechs Wochen vor der Uraufführung fertig zu stellen (für Puccini durchaus frühzeitig), wollte aber zunächst nicht in Turin damit an die Öffentlichkeit gehen. Schließlich er musste nachgeben, darüber hinaus auch noch auf den gewünschten Dirigenten Leopoldo Mugnone verzichten und mit dem jungen Arturo Toscanini Vorlieb nehmen. Die Oper wurde trotz der Anlaufschwierigkeiten ein Erfolg, erst in Rom, dann in Neapel, Palermo, Manchester, dem Covent Garden, schließlich in der ganzen Welt. Das lag nicht nur an ihrer geschickt in die Stimmung des Fin-de-Siècle passenden Handlung im scheinbar freien Künstlermilieu, sondern auch an der raffiniert ausgewogenen Musik, die bei allem Schmiss die Waage zwischen Pathos und Rücknahme, Tempo und Verweilen, Humor und Ernsthaftigkeit zu halten verstand.
 
"La Bohème" entwickelte sich zum Kassenschlager, litt aber nach einigen Jahrzehnten Aufführungsgeschichte auch unter Abnützungserscheinungen. So war es für Franco Zeffirelli eine anspruchsvolle Aufgabe, die Inszenierung zu erneuern, ohne damit den Charme des Stoffes zu zerstören. Während die Szenen in der Mansarde wenig Spielraum zuließen, fand er für das zweite Bild auf dem Markt und im Café eine spannende Form der Fokussierung der Vielfalt der Handlungsstränge auf die Protagonisten und schuf mit der schneeverwehten Straße des dritten Bildes eine ideale Umsetzung der fortschreitenden Krankheit Mimis und der Tristesse der Situation. So wurde "La Bohème" von der Gesamterscheinung runder und eignete sich für eine opernfilmische Umsetzung mit Bühnencharakter. Die Finanzierung des Projektes war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich und setzte sich auch zahlreichen Mischquellen zusammen, die Verwirklichung aber zeigte ein überzeugendes Resultat. Neben Mirella Freni stand das Ensemble der Scala im Vordergrund, dessen Mitglieder allesamt ausgezeichnete Schauspieler waren. Gianni Raimondi verkörperte dabei einen wunderbar naiven und zugleich einfühlsamen Rodolfo und seine drei Freunde Marcello (Rolando Panerai), Schaunard (Gianni Maffeo) und Colline (Ivo Vinco) hatten spürbar Vergnügen mit ihren ironisch-genialischen Rollen. Karajan verordnete dem Orchester der Scala eine gehörige Portion Emotion, die Kameras und Mikrofone hielten alles auf dem neuesten Stand der Technik fest und so entwickelte sich eine Opernverfilmung, die auch nach vier Jahrzehnten noch durch ihre Frische und theaterhafte Zeitlosigkeit besticht. Für die DVD-Version wurde außerdem der Klang der Originalbänder von den Spezialisten der Emil Berliner Studios in 5.1 DTS Surround-Sound (wahlweise PCM Stereo) verwandelt, so dass man inzwischen die Möglichkeiten hat, einen Klassiker der Inszenierungsgeschichte in bislang unbekannter Präsenz wieder zu erleben.