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03.05.2006
Giuseppe Verdi

Verdi - Don Carlo: Mehr als Melancholie

Giuseppe Verdi, Verdi - Don Carlo: Mehr als Melancholie

In dieser Oper gewinnt niemand. Weder der Titelheld noch sein Vater, weder deren Geliebte noch die Helfer und Günstlinge am spanischen Hof, weder die Kirche noch die Frauen noch das Volk gehen am Schluss als Sieger der Situation hervor. "Don Carlo" ist eines der finstersten Werke von Giuseppe Verdi, es hat ihn über viele Jahre hinweg beschäftigt und ist eine Art Konzentrat seiner musikdramatischen Kompetenzen. Und es ist zugleich eine vergleichsweise lange Oper, die Künstlern wie Publikum viel Ausdauer abverlangt. Wer es aber wagt, sich mit ihr näher zu beschäftigen, wird mit einem Meisterwerk belohnt, das selbst für erfahrene Häuser wie die Metropolitan Opera in New York zu den außergewöhnlichen Projekten zählt.

Es ist eine Parabel des Scheiterns des Einzelnen an der Staatsräson. Der spanischen Infant Don Carlos liebt die französische Elisabeth von Valois, die ihm eigentlich versprochen war, nun aber um eines Friedensschlusses Willen dessen Vater Philipp II. angetraut wird. Dadurch entsteht eine seltsame Situation, die sich weder durch Leidenschaft, noch durch Intrige wirklich lösen lässt. Zu allem Ungemach mischt sich auch noch die Kirche in Gestalt der Inquisition in die Auseinandersetzungen und so hilft zum Schluss nur noch das geradezu metaphysische Eingreifen von Karl V., der als greiser Mönch eines Klosters den Enkel vor den Schergen der Religion und dem eifersüchtigen Vater rettet, um die völlige Katastrophe abzuwenden. Resultat ist aber trotzdem eine Situation der Vereinsamung, die niemandem auf der Bühne ausnimmt. Es ist dunkler Stoff nach einer Vorlage von Friedrich Schiller (bearbeitet von Josephe Méry und Camille du Locle), den Giuseppe da behandelt, und er hat ihn rund 18 Jahre lang beschäftigt, bevor die Oper "Don Carlo" im Paris 1867 aufgeführt werden konnte. Darüber hinaus ist es eines der geschlossensten Bühnenwerke, das der Komponist je komponiert hat, von der Stringenz der Handlung bis zum Einsatz von motivischen und instrumentalen Details, die die einzelnen handelnden Figuren begleiten.

An der Met wurde "Don Carlo" seit 1921 nicht mehr in voller Länge aufgeführt. Auch die berühmte Inszenierung aus den 1950ern verzichtete unter anderem auf Passagen des ersten Aktes, die das Geschehen ausdehnen. Erst als John Dexter 1979 einen Neuanfang wagte und mit Hilfe der umfangreichen Verdi-Forschung verschiedene beschnittene Teile wiederherstellte, war es möglich, das Werk in seiner Gesamtheit konsequent darzustellen. Dazu gehörten zum einen die historisch geprägten, die beengende Atmosphäre am spanischen Hof verdeutlichenden Bühnenbilder von David Reppas. Zum anderen unterstrichen die klug gewählten Tempi, die James Levine dem Orchester des Hauses verordnete, den Fortlauf des Geschehens. Vor allem aber waren es die herausragenden Solisten, die der komplexen Handlung eine Energie gaben, dass selbst zwischen den Szenen stellenweise applaudiert wurde. Placido Domingo etwa sang mit enormer schauspielerischer Flexibilität die Titelrolle, Mirella Freni war ihm eine perfekte Geliebte, zwischen Pflicht und Gefühl zerrissen. Grace Bumbry galt bereits seit 1965 als die ideale Intrigantin Eboli, ebenso Nicolai Ghiaurov als eine raffinierte Verkörperung des eifersüchtigen, mit sich, der Welt und vor allem der Kirche hadernden Monarchen Philipp II. So entsteht die Situation, dass durch die Verlängerung der Oper auf ihre ursprüngliche Gestalt von rund 213 Minuten und die Konzentration auf die historische Darstellung eine Operninterpretation entstand, deren Intensität auch mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Aufzeichnung durch den Musikfilmspezialisten Brian Large nichts von ihrer Faszination verloren hat. Im Gegenteil: Durch den aufwändigen Rundum-Mix in DTS / Dolby Surround 5.1 (wahlweise PCM Stereo) bekommt sie auf DVD sogar eine klangliche Dimension hinzu, die nur noch im Opernhaus selbst ähnlich erlebt werden konnte.