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03.05.2006
Pierre Boulez

Pierre Boulez - Mahler 2: Die Mächtige

Pierre Boulez, Pierre Boulez - Mahler 2: Die Mächtige

Als Gustav Mahler dem Dirigenten Hans von Bülow den ersten Satz seiner zweiten Sinfonie am Klavier vorspielte, reagierte der Maestro mit unverhohlener Ablehnung. Wenn das Musik sei, ließ er den Komponisten wissen, dann verstehe er nichts von Musik. Da wirke im Vergleich ja selbst ein 'Tristan und Isolde' wie eine Haydn-Sinfonie. Mahler, gekränkt, aber nicht entmutigt, arbeitete trotzdem weiter an dem Werk und stellte es Mitte der 1890er Jahre (vorläufig) fertig. Es wurde ein Meisterwerk der orchestralen Kraft und ist selbst für erfahrene Dirigenten wie Pierre Boulez eine Herausforderung.

Gustav Mahler machte es seinen Zeitgenossen nicht leicht. In einem Begleittext zu seiner zweiten Sinfonie beschrieb er Bilder der Apokalypse, die er mit seiner Musik im Finale beschwören wollte: "Es ist der Tag der Jüngsten Gerichts. Ein Beben geht über die Erde. Hör`dir den Trommelwirbel an, und die Haare werden dir zu Berge stehen! Der große Appell ertönt: die Gräber springen auf und alle Kreatur ringt sich heulend und zähneklappernd von der Erde empor". Das war finsteres Fin-de-Siècle, der Geist der Zeit, der allerorts in den Künsten zu spüren war. Im 1888, als Mahler sich an die ersten Passagen der 2.Sinfonie wagte, ließ Theodor Storm seinen Schimmelreiter an deutschen Dünen entlang geistern, Friedrich Nietzsche philosophierte über den Willen zur Macht und den Antichrist, und der deutsche Kaiser Wilhelm I. starb, der die Krone nach kurzem Interregnum von Friedrich III. an seinen debilen, militärfanatischen, unglückseligen Enkel weiterreichte. So war auch Mahler in den Diskurs eingebunden, fasziniert zum einen, bedrückt auf der anderen Seite von den Dimensionen, die die Gedanken an das Ende, an die Auferstehung mit sich brachten.
 
Im Fall der "2.Symphonie" hatte er allerdings mit der Komposition einige Probleme. Das Werk entstand über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg, in verschiedenen Stufen der Erkenntnis. Den ersten Satz gestaltete Mahler mit 27 als eine Art "Todtenfeier" für die Helden der ersten Symphonie "Der Titan". Dann ließ er sich fünf Jahre Zeit und nahm die Arbeit wieder auf, um die Sätze zwei bis vier zu entwerfen, einschließlich des ergreifenden Liedes "Urlicht", das er als göttlichen Übergang zum Finale verstand. Die Produktion stockte wieder und kam erst in Gang, als Mahler während des Begräbnisses seines engen Freundes und Förderers Hans von Bülow 1894 die entscheidende Idee hatte, den Schluss als Choral aus Kloppstocks Versen "Aufersteh'n" zu konzipieren. So kam es dann zur Uraufführung am 4.März 1895 in Berlin unter der Leitung des Komponisten selbst, sogar von ihm vorfinanziert, weil der Erfolg des Werkes keinesfalls gesichert war. Mahler stand den kritischen Abend trotz heftiger Kopfschmerzen am Pult durch, brach daraufhin in der Garderobe zusammen, nicht ohne sich seiner Leistung bewusst geworden zu sein: "Es klingt wie aus einer anderen Welt herüber. Und ich denke, der Wirkung wird sich niemand entziehen können".
 
Natürlich gab es auch diesmal Kritik von Zeitgenossen, die seinen gewaltigen Klangvisionen nicht mehr folgen konnten oder wollten. Aber es gab auch Zuspruch von Dirigenten wie Arthur Nickisch und Felix Weingartner oder auch von Kollegen wie Engelbert Humperdinck und Richard Strauss. Die zweite Symphonie mit dem Beinamen "Auferstehungs-Sinfonie" wurde zum Grundlagenwerk moderner Orchesterkunst und hinterließ ihre Spuren in der Musikwelt bis hin zu Neopathetikern der Gegenwart wie John Williams. Umso spannender ist es daher auch, jemanden vom Format eines Pierre Boulez sich mit dem Werk auseinandersetzen zu hören. Nicht umsonst gilt die französische Eminenz der kompositorischen Moderne als einer der werkstrengen Dirigenten, der keinen Schnickschnack der Interpretation duldet. Dementspechend deutlich und direkt wurde auch seine Einspielung der zweiten Sinfonie, die er im vergangenen Frühjahr im Großen Saal des Musikvereins mit den Wiener Philharmonikern verwirklichte. Als Solistinnen standen ihm die Sopranistin Christina Schäfer und die Mezzo-Sopranistin Michelle DeYoung, ergänzt um der Wiener Singverein, zur Verfügung. Boulez griff in die Vollen des orchestralen Klangs, ließ das Ensemble bis an die Grenzen der Dynamik gehen, um auf der anderen Seite fein differenzierte, subtil leise Motivdetails gegenüber zu stellen. Er machte aus der Sinfonie ein dramatisch sich entwickelndes Werk, das der formalen und inhaltlichen Idee des Komponisten in beeindruckender Weise gerecht wird. Es ist einer der Höhepunkte seines Mahler-Zyklus!