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05.04.2006

Manon Lescaut: Gefallene Schönheit

Manon Lescaut: Gefallene Schönheit

In der Logik des 19.Jahrhundert konnte die Geschichte für Manon Lescaut nur schlecht ausgehen. Schließlich war sie ein liederliches Frauenzimmer, eine gefallene Unschuld, die treulos zugunsten des Luxus' ihren wahren Geliebten verließ. So etwas musste bestraft werden und darauf stand librettotechnisch der Tod. Giacomo Puccini allerdings schaffte es, mit seiner dritten Oper derart farbig und vielschichtig das vorhersehbare Schicksal der Unglücklichen zu gestalten, dass das Debüt zum glorreichen Start seiner Laufbahn als Bühnenkomponist wurde. Und dass es auch nach rund einem Jahrhundert noch für Überraschungen gut ist, wie die Re-Edition der ersten Live-Fernsehübertragung aus der Metropolitan Opera in New York beweist.

Giacomo Puccinis erste beiden Opern "Le Villi" (1884) und "Edgar" (1889) hatten ihm bereits zu Achtungserfolgen in Mailand verholfen. Der wirkliche Durchbruch aber gelang ihm 1893, nachdem in Turin "Manon Lescaut" uraufgeführt worden war. Die Wiederaufnahme der bereits neun Jahre zuvor von Jules Massenet auf die Bühne gebrachten Vita der leichtsinnigen Schönheit aus dem Frankreich des ausgehenden Absolutismus bescherte ihm nicht nur begeisterte Kritiken, sondern auch ein Renommee, das zu Aufführungen auf berühmten Bühnen jenseits seiner italienischen Heimat führte. So wurde er beispielsweise 1907 nach New York eingeladen, um am Metropolitan Opera House der dortigen Premiere des Stückes beizuwohnen. Es war eine grandios besetzte Inszenierung, mit Ernico Caruso als verliebtem Des Grieux und Lina Cavalieri in der Titelrolle. Puccini war hingerissen von der Ausstrahlungskraft seines Werkes und der Künstler und äußerte im Anschluss an die Vorstellung voller Emphase, er sei insbesondere vom Temperament der Manon beeindruckt gewesen, "vor allem in den Momenten großer Erregung und Emotionalität". Tatsächlich war diese Aufführung der Startschuss für eine ganze Reihe großer Inszenierungen an der Met, die in der Titelrolle Koryphäen wie Albanese, Steber, Kirsten, Tebaldi und Leontyne Price erlebte und ihnen Kollegen wie Björling, Tucker, Del Monaco und Bergonzi zur Seite stellte. Die Serie der "Manons" führte schließlich zu einer der berühmtesten Fassungen, in der sich 1980 Renata Scotto und Placido Domingo gegenüber standen.

Für beide Stars war es etwas Besonderes, sich mit diesen Partien auseinanderzusetzen. Beide befanden sich auf einem Höhepunkt ihres künstlerischen Ruhms und widmeten sich an der Met nur während dieser einen Saison Puccinis Meisterwerk. Umso größer aber war die Wirkung der Aufführungen und das hing unter anderem mit einem Experiment zusammen. Denn zu ersten Mal in der Geschichte des renommierten Hauses ließ man Fernsehkameras zu, die eine der Vorstellung international live in die Welt trugen. Die Resonanz war euphorisch. Der britische Opern-Spezialist Peter Conrad äußerte sich danach im New Statesman fasziniert: "Manon Lescaut funktioniert nur mit zwei sängerisch und darstellerisch überzeugenden Protagonisten, und in Renata Scotto  und Placido Domingo verfügt die Met über ein solches Paar". Mindestens ebenso begeistert wurde die Inszenierung von Gian Carlo Menotti gelobt, dem es gemeinsam mit Desmond Heeleys Kostümen gelungen war, die vier unterschiedliche Temperamente der vier Akte - jugendlicher Überschwang, aristokratischer Luxus, dunkles Verhängnis, der Transzendenz naher Tod - in eine passende, dem Opulenzanspruch des New Yorker Publikums ebenso wie den Vorstellungen der internationalen Opernfans genügende Darstellung zu fassen. Schließlich und nicht zuletzt hatte auch James Levine maßgeblichen Anteil daran, dass diese "Manon Lescaut" zu einem Klassiker wurde. Seine auf der DVD im berauschenden DTS / Dolby Digital 5.1 Sourround-Sound oder wahlweise auch im PCM Stereo zu erlebende Dirigierkunst gab der Vorstellung den letzten Schliff, um ihren festen Platz in der Aufführungsgeschichte des Werke zu bekommen.