Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

22.03.2006

Klasse der Meister

Klasse der Meister

Im vergangenen Herbst erst hat Riccardo Chailly die Leitung des Gewandhausorchesters übernommen und schon zeigt seine Arbeit mit dem international renommierten Orchester ihre Früchte. Die erste Tournee durch Europa endete als Triumph, die Presse überschlug sich vor Superlativen des Lobs. Und auch die ersten neuen Aufnahmen, die nun unter der Leitung des Mailänder Workaholics erscheinen, lassen auf großen Zuspruch hoffen. Denn Chailly hat sich mit zwei weiteren großen Künstlern eingelassen: dem Pianisten Nelson Freire und dem Komponisten Johannes Brahms.

Nelson Freire ist ein eigenwilliger Interpret. Er sah keinen Sinn darin, sich den Zwängen des internationalen Musikbetriebes zu beugen und galt daher für manchen Kritiker als schwierig. Dabei versuchte er lediglich - und auf lange Sicht mit Erfolg -, sich nach einem fulminanten Karrierestart nicht verschleißen zu lassen. Am 18.Oktober 1944 im brasilianischen Bos Esperança geboren, machte er bereits als dreijähriger Wunderknabe am Klavier von sich reden. Er konzertierte als Kind regelmäßig und hinterließ bei seinen Zeitgenossen einen derart profunden Eindruck, dass noch in seinen Jugendjahren eine Straße nach ihm benannt wurde. Am einheimischen Konservatorium von Nise Obino und Lucia Branco weiter ausgebildet, gelang Freire 1957 der Sprung in die brasilianische Hauptstadt, als er die erste Ausgabe des Wettbewerbs von Rio de Janeiro gewann. Ein im Anschluss daran gewährtes Stipendium brachte den Jungen zu Bruno Seidlhofer nach Wien. Er erhielt den nötigen interpretatorischen Feinschliff, der sich mit seinem originalen Temperament zu einer eigenständigen Mischung verband, die die Konzertbesucher faszinierte. Als Fünfzehnjähriger begann er regelmäßig und häufig zu touren, spielte über die sechziger Jahre hinweg nahezu überall in der Welt und gewann nebenbei Auszeichnungen wie 1964 die Dinu-Lipatti-Medaille in London. Seine Aufnahme der "24 Préludes" von Chopin brachte ihm anno 1972 weitere Preise ein, Freire jedoch begann gleichzeitig, am eigenen Können Abnützungserscheinungen festzustellen. Er reduzierte daher deutlich seine Konzerttätigkeit, arbeitete vermehrt im kammermusikalischen Bereich unter anderem mit dem Cellisten Mischa Maisky und der Pianistin Martha Argerich.

Inzwischen gehört Nelson Freire zu den Eminenzen am Klavier, deren stilistische und ästhetische Autorität niemand mehr bezweifelt. Und er gilt als einer der großen und tiefgründigen Virtuosen des romantischen Repertoires, das er während der vergangenen Jahre mit Einspielungen von Werken von Chopin und Schumann unterstrich. Im November 2005 und Februar 2006 tat er sich nun mit Riccardo Chailly und dem Leipziger Gewandhausorchester zusammen, um sich zwei der komplexesten Werke des romantischen Repertoires zu widmen. Es gibt Klassikfreunde, die die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms überhaupt als Höhepunkt ihrer Gattung betrachten. In jedem Fall handelt es sich um komplexe Klanggebilde, die souverän die Gegensätze von klassischer Gestaltungsstrenge und romantischer Kreativität vereinen. Deutlich von der schwankenden Gefühlswelt des Komponisten geprägt - im Fall des ersten Konzerts von dem emotionalen Schock im Anschluss an Robert Schumanns Selbstmordversuch und der gleichzeitig entflammenden Verehrung zu dessen Frau Clara, im Fall des zweiten in Rekurs auf die Ignoranz des bürgerlichen Kulturbetriebes - erscheinen beide Kompositionen wie geschaffen für Nelson Freire. Denn diese Differenzierung des Gefühls, die Gegensätze von formaler Klarheit und inhaltlicher Emphase, von Nähe und Tiefe, Eros und Trauer erfordern eine Deutlichkeit der Interpretation, die Rücknahme und Kraft mühelos und stringent verknüpft. Freires Erfahrung und Eleganz ergänzen sich dabei perfekt mit Chaillys an Mahler geschulter Neigung zur dynamischen, dramatischen Feinarbeit. So sind zwei Live-Aufnahmen entstanden, die einen Standard setzen für die zeitgemäße Interpretation der Brahms'schen Meisterwerke.