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01.03.2006

Einheit statt Widerstreit

Einheit statt Widerstreit

Eines Tages stieß Osvaldo Golijov auf die Sammlung "Volkslieder für Stimme und sieben Instrumente", die der italienische Komponist Luciano Berio 1964 für seine Muse Cathy Berberian erdacht hatte. Es handelte sich um ein knappes Dutzend Lieder konkurrierender Kulturen des Mittelmeerraumes, die durch die Schönheit und Kraft der einfachen Melodien geeint wurden. Golijov war fasziniert von dieser Idee und behielt sie im Gedächtnis, bis sich die Gelegenheit dazu bieten würde, diesen Miniaturen etwas Angemessenes zur Seite zu stellen. Vor zwei Jahren war es dann soweit. Er stellte in den New Yorker Zankel Hall seinen eigenen Zyklus "Ayre" vor.

Osvaldo Golijov gehört zu einer Generation von Künstlern, für die Flexibilität zum Lebensmotto geworden ist. Im Jahr 1960 in eine jüdisch osteuropäische Familie hineingeboren, lebte er einige Jahre in Argentinien, einige in Jerusalem. Musik gehörte zum Alltag, allerdings waren es vor allem klassische Klänge, Klezmer, traditionelle jüdische Gesänge und Tango Nuevo, die die Hörgewohnheiten des Jungen bestimmten. Als Kind bekam er Klavierunterricht, er stellte sich als talentiert hinaus und so wurde er in der musischen Linie weiter erzogen. Es folgte Kompositionsunterricht bei Mark Kopysman in Jerusalem und Franco Donatoni in Siena. Im Jahr 1986 zog er in die USA, arbeitete mit George Crumb an der Universität von Pennsylvania, später mit Oliver Knusson am Tanglewood Music Center. Dort wiederum machte er die Bekanntschaft mit den Musikern des Kronos Quartets, die damals bereits zu den führenden Experimentalisten der modernen Kammermusik gehörten. Man freundete sich an und im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Kompositionen für das Ensemble, das mit seinen Konzerten und Platten wiederum Golijov einem größeren internationalen Publikum bekannt machte. So wuchs der Quereinsteiger schrittweise in die Szene der zeitgenössischen Avantgarde hinein, und etablierte sich dort als einer der vielseitigen Klanggestalter zwischen den stilistischen Stühlen von Tradition und Moderne.

Im Fall von "Ayre" - was im Spanischen des Mittelalters für "Melodie" stand - wurde noch eine weitere Persönlichkeit wichtig, die Sopranistin Dawn Upshaw. Ihre klare folkgetöne Stimme wurde zum Golijovs liebstem Instrument, sie selbst zu seiner Assistentin und Beraterin. Als sie im Jahr 2003 von der Carnegie Hall beauftragt wurde, für zwei Jahre die künstlerische Leitung der Dependance Zankel Hall zu übernehmen, wandte sich Upshaw an ihrer Partner, ob ihm nicht ein passendes Programm zur Eröffnung einfalle. Golijov erinnerte sich an die "Folk Songs" von Berio und den lang gehegten Plan, diesem Zyklus ein Äquivalent zur Seite zu stellen. Er sammelte Lieder aus verschiedenen Kulturen und Zeiträumen, aus christlicher, arabischer und jüdischer Tradition, in arabischer, hebräischer, sardischer, spanischer und lateinischer Sprache. Er bearbeitete und ergänzte sie durch eigene Lieder und einen zeigenössischen Text des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish, orchestrierte sie für ein Kammerensemble und stellte sie zu "Ayre" zusammen.

Die Welturaufführung fand am 31. März 2004 in der Zankel Hall mit Dawn Upshaw als Solistin statt, für die Aufnahme konnte das hochkarätig besetzte Ensemble The Andalucian Dogs ein weiteres Mal im Studio zusammengebracht werden. Mit dabei waren unter anderem der berühmte Klezmer-Klarinettist David Krakauer, die Harfinistin Bidget Kibbey, der Bassist Mark Dresser, der Cellist Erik Friedlander und natürlich Upshaw als Gesangssolistin. Sie vertonten nicht nur Golijovs "Ayre", sondern die implizite Vorlage Berios und so entstand ein spannendes, kammerfolkig-klassisches Panoptikum des klangkulturellen Austausches, das als zentrales Anliegen Golijovs vor allem die Gemeinsamkeiten der Überlieferungen betont: "Mit einer kleinen Wendung wechselt die Melodie vom jüdischen zum arabischen und weiter ins christliche Idiom. Wie eng verknüpft sind diese Kulturen und wie furchtbar ist es, wenn sie sich nicht verstehen. Die Trauer, mit der wir heute leben, existiert bereits seit Jahrhunderten und doch war zwischen diesen Kulturen Harmonie möglich".