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01.03.2006

Melodram in Rom

Melodram in Rom

Es sollte eine Oper zur Krönung von Kaiser Leopold II zum böhmischen König 1791 werden. Nur leider war der Zeitplan denkbar eng. Deshalb sagte der ursprünglich anvisierte Komponist Antonio Salieri ab und Mozart musste einspringen. So entstand "La Clemenza di Tito" als Schnellschuss der Operngeschichte und wurde deshalb während des 20.Jahrhunderts zunächst von vielen Kritikern abgelehnt. Erst als Jean-Pierre Ponnelle sich Ende der 1960 Jahre des wenig geliebten Werks annahm und es in unkonventioneller Weise adaptierte, entflammte das Interesse der Opernwelt aufs Neue. Nach der vor wenigen Wochen erschienenen Neuaufnahme der "Clemenza di Tito" durch Sir Charles Mackerras mit dem Scottish Chamber Orchestra kommt nun ein Klassiker auf DVD in die Läden: der 1980 an römischen Originalschauplätzen gedrehte Opernfilm unter Ponnelles Ägide.

Nur rund zwei Monate standen Mozart zur Verwirklichung des Projektes zur Verfügung. Angesichts des beachtlichen Honorars stellte er die Arbeit an der "Zauberflöte" hintan und machte sich an die Umsetzung von "La Clemenza di Tito". Die Vorlage dazu war alt, stammte von Pietro Metastasio, war 1734 zum ersten Mal von Antonio Caldara, daraufhin rund 50 weitere Male als Vorlage für eine Oper verwendet worden. Sie musste daher im Geiste der Zeit modernisiert werden, was Caterion Mazzola, der Nachfolger Lorenzo da Pontes am Wiener Hof, übernahm. Die Handlung wurde gestrafft, mehrere übertrieben huldigende Passagen gestrichen sowie das Figureninventar auf sechs Hauptakteure konzentriert. So bekam Mozart die Möglichkeit, seine Kompetenz im Gestalten von Ensembleszenen zu beweisen, so wie er überhaupt an die klassische Form der opera seria - hehre Geschichten von edlen Persönlichkeiten in klassisch antikem Ambiente - weitaus gelassener heranging, als es sein Wiener Kollegen Salieri getan hätte. Die Oper "La Clemenza di Tito" kam wie geplant am 6.September 1791 in Prag zur Uraufführung. Die Vorstellung erfolgte im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten und deren Besuch war für das Publikum kostenlos. Dementsprechend wenig dürfte es sich für die eigentlich Handlung im Unterschied zum monarchischen Glamour interessiert haben. Die Kaiserin Maria Louisa fand das Werk sogar unpassend und nannte es eine "deutsche Schweinerei", was wohl auch zur Folge gehabt haben dürfte, dass er erhoffte Erfolg zunächst ausblieb.

Allerdings hatten ein paar wohl von Franz Xaver Süßmayr verfasste Rezitative - Mozart war zwischenzeitlich krank gewesen und musste einen Teil der Arbeit an ihn abtreten - für Längen gesorgt. Bis Anfang des 19.Jahrhunderts wurde die "Clemeza di Tito" trotzdem wegen ihres lehrreichen Gehalts gerne gespielt, im Jahr 1806 war sie beispielsweise die erste Mozart-Oper überhaupt, die in London gezeigt wurde. Auf lange Sicht allerdings wurde sie von den Hits des Salzburger Genius überstrahlt, zumal mit fortschreitender Liberalisierung der Gesellschaft die Auseinandersetzungen und inneren Kämpfe eines absolutistischen Potentaten auf der Bühne an Aktualität und Aktualisierbarkeit verloren. Als sich der visionäre Opernregisseur Jean-Pierre Ponnelle 1969 zum ersten Mal Mozart Spätwerk in Köln auf der Bühne annahm und durch die für ihn typische historische Überzeichnung wieder interessant machte, setzte nach Jahrzehnten der Missachtung ein Boom neuen Interesses an der "Clemenza di Tito" ein. Im Jahr 1980 bekam er sogar die Möglichkeit, im Auftrag des WDR einen Film daraus zum machen.

Ponnelle reiste mit seinem Team nach Rom, stellte die Schauspieler in absolutistischen Phantasiekostümen von Pet Halmen in historische Räume wie das Forum Romanum, die Caracalla-Thermen und die Gärten der Villa Adriana in Tivoli. Als Kameramann engagierte er den Fellini- und Antonioni-erprobten Carlo die Palma, als setting wählte er vor allem nächtliche Atmosphären mit viel Kunstlicht. So schuf er eine Stimmung der entrückten Künstlichkeit an mythenträchtigen Orten, die das Artifizielle des Originals eindrucksvoll unterstützte. Die überwiegend weibliche Besetzung mit Tatiana Troyanos als Sesto, Anne Howells als Annio, Carol Neblett als Vitellia und Catherine Malfitanio als Servilia wurde von Eric Tappy in der Titelrolle und Kurt Rydl als Publio ergänzt. Die Musikaufnahmen mit den Wiener Philharmonikern unter James Levine fanden wenige Wochen vor dem Dreh statt und so entstand ein künstlerisch eigenwilliges Ganzes, das über die Kontraste der optischen Darstellung die Wirkung der Musik deutlich zum Tragen kommen lässt. "La Clemenza di Tito" war einer von vier Mozart-Opern-Filmen, die von Ponnelle und dem WDR verwirklicht wurden. Geplant war allerdings der komplette Zyklus - ein Vorhaben, das wegen des frühen Tods Ponnelles am 11.August 1988 nicht mehr in die Tat umgesetzt werden konnte.