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15.02.2006

Geniale Spätzünder

Geniale Spätzünder

Spätestens seit Joseph Haydn hat das Streichquartett über die Funktion der Salonmusik und des künstlerischen Miteinanders im kleinen Kreis hinaus die Bedeutung einer besonderen, persönlichen Aussage des Komponisten. Deshalb wagte sich manch einer erst gar nicht an die Komposition, aus Angst, dem Anspruch nicht gerecht zu werden, oder wartete lange mit dem Verfassen eines solchen Werkes. Das Emerson String Quartet hat sich zweier solcher Spätzünder angenommen, die sich nur selten, aber dafür meisterhaft durch das Medium des Streichquartetts ausgedrückt haben: Edward Grieg und Jean Sibelius, ergänzt um eine musikalische Miniatur von Carl Nielsen.

Biographen sind spitzfindige Leute. Da sie meist mehr über eine Persönlichkeit wissen, als sonst jemand, sind die in der Lage, Beziehungen herzustellen, auf die ein normalsterblicher Musikhörer nie kommen würde. So stellten sie beispielsweise fest, dass Edward Grieg ein Motiv seines "Streichquartetts g-moll, op.27" auf einem Thema basieren ließ, dass er bereits früher einmal für die Vertonung von Ibsens Gedicht "Spielleute" verwendet hatte. In diesem Poem geht es um einen von seiner Angebeteten getrennten Spielmann, der einen Wassergeist um eine Zauberlied bittet, um die Herzensdame für sich zurückzugewinnen, dann aber feststellen muss, dass sie inzwischen die Frau seines Bruders geworden ist. Grieg selbst kämpfte zur Zeit der Komposition um 1878 gerade mit den Gerüchten, seine eigenen Gattin habe ein Verhältnis zu seinem älteren Bruder und da er darüber hinaus auch noch geäußert hatte, in dem Werk sei eine "großer geistiger Kampf ausgetragen" worden, war für die Exegeten die Sache klar. Feststeht jedenfalls, dass dieses eine Streichquartett, mit Ausnahme eines Jugendwerkes und eines unvollendeten Pendants im Nachlass, solitär in Griegs Werkkorpus ist. Umso mehr fasziniert es durch seine eindringliche Kraft und erstaunliche Leidenschaft des Ausdrucks. Im Unterschied zu den üblichen Gestaltungsnormen verzichtete der Komponist auf kontrapunktische Kniffe zugunsten von abrupten Übergängen und deutlichen Farben. Er selbst meinte, dass er dadurch "Weite, Fantasiereichtum und vor allem Klangfülle" angestrebt habe und das Resultat gibt dieser Einschätzung recht. Denn selten in der Kammermusikliteratur der Romantik wurde mit mehr Emphase komponiert als bei diesem einen Grieg-Quartett.

Der finnische Komponist Jean Sibelius spielte im Unterschied zu Grieg talentiert Geige. Deshalb verfasste er auch zu Studentenzeiten neben zahlreichen Kammermusikwerken auch drei Streichquartette. Dann allerdings wandte er sich anderen, vor allem großorchestralen Formen zu und kehrte erst um 1908 wieder zu der Passion seiner Jugend zurück. Sein "Streichquartett d-moll, op.56", dem er den Titel "Voces Intimae" zur Seite gestellt hatte, entstand während einer ausführlichen Tournee als Dirigent und war als bewusstes Gegenstück der inneren Stimme in Bezug auf die Macht des Sinfonik gedacht. Und es ist das zweite große Werk, dem sich das Emerson String Quartet in seinem neuen Programm widmet. Es arbeitet einerseits wie im ersten mit Bildern und Assoziationsklangräumen der skandinavischen Weite, endet aber ebenso leidenschaftlich wie Grieg in einem furiosen Finale. Als Bindeglied zwischen diese beiden Monolithen der spätromantischen Kammermusik wählte das Ensemble um die beiden, sich die Rolle des ersten Geigers teilenden Virtuosen Eugene Drucker und Philip Setzer, eine kurze und melancholische Melodie des dänischen Violinisten und Geigers Carl Nielsen mit dem vielsagenden Titel "An der Bahre des jungen Künstlers". So entstand ein rundum betörendes, weil die Kunst zweier großer Komponisten in der kleinen Form komprimierendes Programm, das im Winter 2004 in New York aufgenommen wurde und das vielfach prämierte Emerson String Quartet einmal mehr auf der Höhe seiner interpretatorischen Kompetenz präsentiert.