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08.02.2006

Ein englisches Kleinod

Christopher Hogwood, Ein englisches Kleinod

In Vergils "Aeneis" ist es nur eine Episode im IV. Buch. Trotzdem haben die Geschehnisse um die karthagische Königin Dido im 17. Jahrhundert zahlreiche Librettisten und Komponisten inspiriert, mehr oder minder originalgetreue Bearbeitungen der unglücklichen Liebesgeschichte im Nachspiel des Trojanischen Krieges zu versuchen. Viele davon waren bei ihren Zeitgenossen beliebt, tatsächlich überliefert aber wurde vor allem Henry Purcells Version von "Dido And Aeneas".

Die Situation ist alles andere als eindeutig. Eine autographe Partitur von "Dido And Aeneas" gibt es nicht. Die ältesten überlieferten Quellen sind wie das berühmte "Tenbury Manuscript" rund einhundert Jahre jünger als das Original. Zwar gibt es einen zeitgenössischen Druck der Oper. Der umfasst aber nur das Libretto und weicht zum Teil deutlich von den späteren Musikniederschriften ab. Hinweise auf eine Aufführung von 1689 an der Josias Priests Schule für höhere Töchter in Chelsea, die lange Jahre als die Premiere des Werkes angesehen wurde, sind zwar nicht widerlegt worden. Ob "Dido And Aeneas" allerdings lediglich aus diesem Anlass gespielt wurde, gilt heute nicht mehr als sicher. Überhaupt stand es im 17. Jahrhundert schlecht um die englische Oper. Das hatte mit politischen Verwicklungen zu tun, vor allem der Civil War in den Vierzigern brachte manche Tradition zum Erliegen. Erst mit dem Einsetzen der Restauration um 1660 begann ein langsamer Wiederaufbau der kulturellen Infrastruktur und machte eine verhaltene Renaissance des Musiktheaters möglich. Französische und italienische Theatergruppen gastierten in England, so mancher Dichter und Komponist wurde daraufhin zu neuer Produktivität angeregt. Von Henry Purcells (1659-95) Auftrag für "Dido And Aeneas" allerdings weiß man nicht viel. Das Libretto jedenfalls verfasste der Hofdichter Nahum Tate, eine singuläre Vorlage gab es in Form des Stücks "Venus And Adonis", das Purcells Lehrer John Blow 1684 ebenfalls an der Josias Priest Schule hatte aufführen lassen.

Der Schüler jedoch behandelte die musikalische Dramaturgie weitaus vielschichtiger als der Meister. Denn Purcell verstand sich auf Gegensätze. Er kontrastierte konsequent Solo-Arien und Chorpassagen, hohe und tiefe Lagen, instrumentale und vokale Passagen. Ein Hauch von Shakespeare'scher Burleske fand durch die Gestalt der Hexen, die Aeneas ärgern und Dido durch Intrigen in den vermeintlichen Ehrverlust drängen, Eingang in die Handlung. Überhaupt muss man sich eine Oper im England des 17. Jahrhunderts deutlich anders vorstellen als ein heutiges Pendant. Besonders auffällig war dabei der Einsatz von Effekten, den der Leiter und Dirigent der Aufnahme in der Classic Opera Serie, der Alte Musik-Spezialist Christopher Hogwood, folgendermaßen beschreibt: "Im 17. Jahrhundert wurde dem Publikum die kritische Gliederung der beiden Welten in 'Dido And Aeneas', nämlich der königlichen Opfer und des Übernatürlichen, Bösen, nicht nur vor Augen, sondern auch vor Ohren geführt. Hinter der Bühne sorgten Maschinen für Donner, Blitze und andere Effekte, und halfen, die Sphäre der Dämonen von der der Menschen zu unterscheiden und zu trennen; da eine Einspielung nichts Visuelles bieten kann, sind diese hörbaren Manifestationen umso wichtiger. Die vorliegende Aufnahme bedient sich der originalen Maschinen des Hoftheaters Drottningholm in Schweden". Es rumpelt und kracht daher stellenweise beeindruckend im Hintergrund, die eigentliche Faszination aber machen die Sänger und Instrumentalisten der 1992 in London verwirklichte Einspielung von "Dido And Aeneas" aus. In den Titelrollen sind Catherine Bott (Dido) und John Mark Ainsley (Aeneas) zu hören, die Vertraute der Königin singt Emma Kirkby (Belinda) und, heutzutage ungewohnt, aber historisch üblich, die Rolle der Zauberin wird von dem Bass David Thomas gesungen. Christopher Hogwood leitete dafür Chor und Ensemble der Academy Of Ancient Music und schuf eine vielfach hochgelobte Aufnahme der wichtigsten britischen Restaurations-Oper, die durch ihre Eleganz und klangliche Stringenz und ihre künstlerische Leuchtkraft betören.