Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

08.02.2006

À la Mode

À la Mode

Mozart war auch Stratege. Die Möglichkeiten, mit Musik Geld zu verdienen, waren in einem Zeitalter ohne Massenmedien und Tonträger rar gesät, also musste selbst ein Komponist seines Formats sich einiges einfallen lassen, damit er zu Aufträgen kam. Seine "Serenade K.375" zum Beispiel schrieb er für die Schwägerin des Hofmalers Joseph Hickel. Damit war die Möglichkeit gegeben, sie im Hause des k.u.k.-Günstlings aufzuführen, bei dem wiederum täglich sich der kaiserliche Kammerherr Johann Strack die Ehre gab. Und der hatte beträchtlichen Einfluss auf den Regenten.

Die Rechnung ging nicht wirklich auf. Zwar waren in den 1780er Jahren Bläserensembles in Wien in Mode gekommen. Der den schönen Künsten nicht abgeneigten Habsburgerkaiser Joseph II beschloss sogar, an seinem Hof eine eigene Kapelle aus Mitgliedern des Orchesters der Hofoper zu gründen, die für die Zerstreuung der verschiedenen Höflinge bei gesellschaftlichen Anlässen zuständig sein sollte. Üblicherweise wurde mit sechs Bläsern konzertiert, je zwei Klarinetten, zwei Hörnern und zwei Fagotten. Mozart fand diese Besetzung durchaus reizvoll, seine "Serenade K.375" war für diese musikalische Form ausgelegt. Doch bald schon interessierten ihn weitere Farben und so wuchsen die Ensembles um zwei Oboen an, dann um zwei Bassetthörner und zwei weitere Hörner, die jeweils neue Schattierungen und Ausdrucksformen ermöglichten. Für die "Serenade K.361", der erst posthum der Titel "Gran Partita" angefügt wurde, kam noch ein Kontrabass hinzu, sodass im Kern bereits ein ausgewachsenes Kammerblasorchester auf der Bühne stand. Das wäre wohlmöglich auch etwas für den Kaiser gewesen, doch der hatte mit seiner Blaskapelle leider Einfacheres im Sinn. Er wollte in der Regel keine neuen Kompositionen hören, sondern die auch bei seinen Zeitgenossen beliebten Potpourris berühmter Opernmelodien, wenn man so will also die Top Ten seiner Ära.

Manchmal passte Mozart sich an und stellte etwa Melodien aus der "Entführung aus dem Serail" im Serenadenton zusammen. Eigentlich aber interessierten ihn andere Dinge. Denn er hatte eine ungewöhnliche Begabung, für Blasinstrumente zu schreiben und deren natürliche Klangwirkungen optimal auszunützen. Daher schrieb er drauflos, auch für kleinere Anlässe wie etwa ein Benefizkonzert für seinen Freund Anton Stadler, den Klarinettisten der Hofkapelle, "Harmonie" genannt. So kam es 1784 zur Uraufführung der ersten vier Sätze der "Gran Partita", angekündigt im Wienerblättchen als "groß blasende Musik von ganz besonderer Art". Die damals verwendete Musik fand daraufhin auch bei anderen Gelegenheiten Anwendung, das Autograph allerdings verschwand nach 1799, nachdem Mozarts Witwe es verkauft hatte, zunächst bis 1922 in den Privatarchiven von Sammlern. Inzwischen gehört es zum Dokumentenschatz der Library of Congress in Washington und wurde ausgiebig von Musikwissenschaftlern untersucht. Dabei stellte sich zum Beispiel durch den Vergleich der Handschriften heraus, das der Titel "Gran Partita" nicht von Komponisten selbst stammte. Und man bemerkte immer wieder, mit welch berauschender Selbstverständlichkeit Mozart es verstand, die Qualitäten der Bläser, die eben nicht wie Streicher lange gebundene und schwebend leichte Töne produzierten, in eine eigene perkussiv begründete Klangarchitektur zu verwandeln. Schon deshalb ist es ein Genuss, seinen Serenaden zu lauschen, die das international renommierte Orpheus Chamber Orchestra im Rahmen der Mozart Collection anstimmt. Die Aufnahmen entstanden in den Jahren 1986 und 1990 und zeichnen sich durch eine charakteristische Noblesse und Leichtigkeit der Linienführung aus, die souverän und in jedem Falle unterhaltsam mit Mozarts Gestaltungskunst harmoniert. Sie dürfen auch ruhig zu einem gepflegten Essen genossen werden. Schließlich wurden sie nicht zuletzt für eben solche Anlässe geschrieben.