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01.02.2006

Der Freigeist

Rafael Kubelik, Der Freigeist

Im Jahr 1961 unterschrieb Rafael Kubelik seinen Vertrag als künstlerischer Direktor des Bayerischen Rundfunkorchesters. Damit begann eine ungewöhnlich symbiotische Zusammenarbeit, die rund ein Vierteljahrhundert andauerte und musikalische Dokumente hervorbrachte, die von zeitloser Kompetenz geprägt zu den Wegmarken der klassischen Interpretationskunst gehören. Anlässlich seines zehnten Todestages im August dieses Jahres, haben die Programmspezialisten der Deutschen Grammophon eine Reihe herausragender Aufnahmen zusammengestellt und nun in der Serie Original Masters unter dem Signum "Rare Recordings 1963-1974" veröffentlicht.

Schon der Blick auf die stilistische Bandbreite der auf acht CDs vereinten Werke ist überraschend. Da finden sich Mozarts "Haffner-Serenade" ebenso wie Webers "Ouvertüren", Schönbergs "Gurrelieder" und Hartmanns "Symphonien Nr.4 und Nr.8". Das inhaltliche Spektrum reicht vom ausgehenden Barock bis hin zur zeitgenössischen Gegenwart Kubeliks und es ist bezeichnend für die musikalischen Vorstellungen, die der exil-tschechische Dirigent über seine gesamte Karriere hinweg verfolgte. Er war auf der Suche nach einer "inneren Logik" der Musik, die nicht von Wissenschaftlern bestimmt wurde, an denen sich die Verfechter der historischen Aufführungspraxis orientierten, sondern von den Interpreten, die es schaffen, eine tote Partitur zum Leben zu erwecken. Dazu gehört auch, dass man kunst- und kulturimmanente Zusammenhänge verstand, die über die chronologische Herleitung der Ereignisse hinausgehen. "Man kann nicht Beethoven lieben, wenn man nicht weiß, dass es im 20.Jahrhundert Hindemith gibt; und wir können Bach nicht ganz verstehen, wenn wir keine Musik von Schönberg hören", meinte Kubelik zu seiner persönlichen Programmatik und plädierte mit Worten und Werken für die Vielfalt des Repertoires. Und er hatte mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein nahezu Ideales Medium gefunden, um diese Einstellung überzeugend zu präsentieren. Denn er und das Ensemble verstanden sich auf eine Weise, die über ein korrektes Arbeitsverhältnis hinausreichte. Wie behutsam und zugleich bestimmt er mit den Musikern umging, zeigt beispielsweise der Mitschnitt einer Probe zu Mendelssohns "Sommernachtstraum", die ihn als humorvollen Primus Inter Pares vorstellt, der über profunde Werkkenntnis und immense künstlerische Autorität das Orchester zu Glanzleistungen anspornt.

Kubeliks Visionen wiesen nach vorne. Und sie gaben immer wieder Werken eine Chance, die es gegenüber dem Standardrepertoire schwer hatten. Ein gutes Beispiel ist das kompositorische Schaffen von Karl Amadeus Hartmann. Kaum waren sich die beiden Koryphäen in München begegnet, verband sie bereits ein enge Freundschaft, die auf der gegenseitigen Leidenschaft für die Vielfalt der Musik gründete. So wurde Kubelik auch nach Hartmanns frühem Tod 1963 zu einem wichtigen Mentor von dessen Werken, führte etwa dessen "8.Symphonie" noch im selben Jahr erstmals auf und spielte auch andere Orchesterstücke in regelmäßigen Abständen. Für die Sammlung der Original Masters wurden Hartmanns vierte und achte Symphonie ausgewählt, die neben Schönbergs "Gurreliedern" und Stravinskys "Scherzo à la russe / Circus Polka" die Brücke zur Moderne bauen. Außerdem kann man Alexander Tscherepnins "Klavierkonzerte Nr.2 und Nr.5" mit dem dem Komponisten selbst als Solisten, die im März 1968 in München entstanden, und Jean Martinons zweites Violinkonzert hören, beides Erstveröffentlichungen auf CD und daher in mehrfacher Hinsicht eine Rarität. Zu den Klassikern des Repertoires wiederum gehören die Beethoven-Symphonien, die Kubelik als Zyklus verwirklichte, allerdings mit der Besonderheit, dass er für jedes Werk ein anderes Orchester auswählte. So kann man ihn hier mit vier Höhepunkten dieser Reihe und den Londoner Symphonikern, den Berliner Philharmonikern, dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra und seinen vertrauten Münchner Radiosymphonikern erleben. Allesamt sind es präzise und zugleich impulsive, klare und zugleich temperamentvolle Aufnahmen, die Kubelik auf dem Zenith seines Schaffens präsentieren.