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25.01.2006

Ernste Noblesse

Ernste Noblesse

Johann Sebastian Bach erhoffte sich zwar keine Stellung, aber wahrscheinlich den Titel des Hofkomponisten, der ihm wiederum manchen lukrativen Auftrag hätte bescheren können. Also widmete er im März 1721 seine "Six Concerts avec plusieurs instruments" dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg. Und dieser wurde auf diese Weise zu mehr als nur einer Fußnote der Geschichte, denn die "Brandenburgischen Konzerte" gehören zu den bekanntesten und folgenreichsten Kompositionen des Barocks überhaupt, deren Schönheit und Noblesse gerade in einer Interpretation wie durch Karl Richter und sein Münchner Bachorchester sich nachhaltig entfalten kann.

Für Bach war es eine künstlerisch fruchtbare Zeit. Im Jahr 1717 hatte er am Hofe der Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen seine Stelle als Kapellmeister angetreten und war im Laufe der folgenden Jahre außerordentlich kreativ gewesen. So fiel etwa die Abfassung des ersten Teils des "Wohltemperierten Klaviers" in diese Phase. Allerdings bot seine Position keine besonderen Aufstiegsmöglichkeiten und so sah er sich durchaus nach anderen Stellen um. Gefallen hätte ihm zum Beispiel die Anstellung als Organist an der Hamburger St. Jacobi-Kirche und dafür nun wiederum hätte ihm der Titel des Hofkomponisten gut zu Gesichte gestanden. Als daher der Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg ihn aufforderte, ein paar Konzerte für dessen renommierte und versierte Hofkapelle zu verfassen, strengte sich Bach in besonderem Maße an und gestaltete seine "Six Concerts avec plusieurs instruments" möglichst vielfältig, um seine Kompetenzen als Klangkünstler eindrucksvoll zu demonstrieren. Das erste Konzert entsprach mit seiner Gegenüberstellung von Streichern, Holzbläsern und Hörnern dem Typus des Gruppenkonzerts, das zweite war nur für vier Solisten und Basso Continuo gedacht, nach Art der damals beliebten "Sonate auf Concertenart" und wurde erst später durch Orchesterstimmen ergänzt. Das dritte Konzert ist vom kontrastreichen Dialog zweier Streicherchöre bestimmt, die Nummer vier wechselt zwischen virtuosen Violinenpassagen und schlichten Blockflötenmelodien. Im fünften Konzert übernimmt das Cembalo eine leitenden Funktion und das sechste wirkt mit seiner ungewöhnlichen Instrumentierung wie eine erweiterte Triosonate.

Alles in allem jedenfalls sind die "Brandenburgischen Konzerte" auf Vielfalt angelegt, auf größtmögliche Abwechslung, was sie über die Jahrhunderte hinweg zu besonders attraktiven Orchester-Werken des Barocks macht. So reizte es auch den Bachspezialisten Karl Richter, diese Werke in der für ihn typischen, sehr persönlichen Art zu interpretieren. Im April 1970 hatte er die Möglichkeit, zusammen mit den Fernsehspezialisten der Unitel in den Räumen des im Münchner Norden gelegenen Barock-Schlosses Schleißheim zehn Tage lang sich diesen Werken vor laufenden Kameras zu widmen. Er wählte dafür eine vergleichsweise große Orchesterbesetzung, die zwar den Regeln der historischen Aufführungspraxis widersprach, nach Richters Meinung aber der Musik am ehesten entsprach. Denn er hielt wenig von der "Vorführung einer geschichtlichen Ausgrabung", sondern kümmerte sich lieber um den "lebendigen schöpferischen Nachvollzug" und der erlaubte es durchaus, dass er die Orchestrierung im Sinne der Klangwirkung veränderte, Tempi individuell, meistens zügig wählte und die Musiker seines Orchesters auf modernen Instrumenten spielen ließ. Die Kritik zollte ihm dafür Respekt und erklärte Richter zu einem der profundesten Interpreten von Bachs Werken im vergangenen Jahrhundert. Die Aura der ernsten Begeisterung, die ihn umfing, wird besonders deutlich, wenn man ihm, wie im Fall dieser als Teil einer kleinen Werkschau des Dirigenten auf DVD veröffentlichten Aufnahmen, direkt über die Schulter blicken kann. Denn Richter war bei aller Hermeneutik ein präziser und detailversessener Arbeiter, dem es auf jede Nuance des Ausdrucks ankam. Und so erscheinen seine Einspielungen, die durch modernste Studiotechnik im DTS 5.1.Surround (wahlweise in PCM Stereo) Sound wiedergegeben werden können, als Glanzstücke eines im kreativen Sinne fanatischen Verehrers der großartigen Musik von Johann Sebastian Bach.