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18.01.2006

Generation des Sohnes

Generation des Sohnes

Pierre Fournier musste keine Pionierarbeit mehr leisten. Das hatte Pablo Casals bereits vor ihm geschafft, indem er das Cello aus dem Orchesterzusammenhang herauslöste und glaubhaft als Solo-Instrument in der Konzertlandschaft etablierte. Fournier hatte aber trotzdem viele Freiheiten, denn eine fest gefügte Klangsprache und Spielform gab es noch nicht. Er konnte mit seinem schlanken, singenden und noblen Ton die Grundlage für vieles schaffen, woran sich folgende Generationen von Cellisten orientieren würden. Und er schaffte es, in der direkten Nachfolge von Casals, das Interesse der Öffentlichkeit an seinem wunderbaren Instrument aufrecht zu erhalten

Fournier stammte aus Paris, ein Sohn gebildeter Kreise, dessen Mutter bereits als Pianistin in der Gesellschaft etabliert war. Geboren 1906, erhielt er von ihr seinen ersten Unterricht am Klavier und wäre wohlmöglich auch bei diesem Instrument geblieben, hätte ihm nicht eine Erkrankung an Kinderlähmung die Arbeit mit den Pedalen erheblich erschwert. Also wechselte er zum Cello, unter dem Eindruck des jungen Casals, der damals in der Pariser Gesellschaft bekannt war und mit seiner ungestümen Schaffenskraft durchaus als Vorbild taugte. Fournier bekam Unterricht, zunächst privat bei Odette Krettly, daraufhin am Konservatorium bei Paul Bazelaire und André Hekking. Er empfahl sich dort 1923 mit dem ersten Preis in der Kategorie seines Instruments, begann daraufhin die Praxis-Ausbildung als Mitglied des Quartour Krettly. Mitte der Dreißiger begann er langsam, sich auch als Solo-Künstler vorzustellen. 1934 spielte er zum ersten Mal in London, wurde von Casals nach Barcelona mitgenommen, wirkte daraufhin in Paris bei mehreren Uraufführungen mit. Sein Marktwert stieg, trotz trauriger Kriegsjahre. 1943 schließlich durfte Fournier offiziell die Fußstapfen von Meister Casals treten und dessen Position im Trio mit Alfred Cortot und Jacques Thibaud übernehmen. Nach dem Krieg trat er wieder mit einigen Uraufführungen wie einer Sonate von Francis Poulenc (1949) in Erscheinung und schaffte es schließlich, nach seinem Debüt in der Carnegie-Hall (ebenfalls 1949), in der öffentlichen Wertschätzung als eine der zentralen Persönlichkeiten seines Instruments anerkannt zu werden.

Pierre Fourniers Kunst wurde auf zahlreichen Tonträgern für die Nachwelt festgehalten. Da er zwischen 1952 und 1956 bei der Decca unter Vertrag stand und sich von 1959 bis 1971 an die Deutsche Grammophon band, stehen der Original Masters-Reihe eine Vielzahl großartiger Aufnahmen zur Verfügung, aus denen für diese 6-CD-Box ein repräsentativer und reizvoller Querschnitt ausgewählt wurde. Da gibt es zum Beispiel kammermusikalische (und familiäre) Schätze wie die Interpretationen von César Francks A-Dur-Sonate oder Frédéric Chopins g-moll-Sonate, die er gemeinsam mit seinem Sohn Jean Fonda verwirklicht hatte. Die wunderbaren und intimen Versionen von Brahms' Cello-Sonaten Nr. 1 und Nr. 2 nahm Fournier im September 1965 mit seinem langjährigen Freund und Begleiter Rudolf Frikusny aus. Zu den Juwelen jedes Plattenschrankes gehört auch die berühmte Einspielung von Dvoraks Cello-Konzert - das Casals populär gemacht hatte -, die im Juni 1961 gemeinsam mit George Szell und den Berliner Philharmonikern in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche, dem bevorzugten Aufnahmeraum der Deutschen Grammophon, entstand. Die beiden Haydn-Konzerte hingegen hatten eben erst eine bewegte Geschichte hinter sich gebracht, so etwa das Konzert in c-moll, das über mehr als ein Jahrhundert hinweg verschollen war und erst in den 1960er Jahren zufällig wieder auftauchte. Fournier entlockte ihm ebenso faszinierende Farben, wie er allen anderen Werken wie der Original Masters Box einschließlich einiger Raritäten wie etwa unveröffentlichten Miniaturen (Tschaikowskys "pezzo capriccioso" aus der Münchner Residenz, 1969) seinen persönlichen, unverwechselbaren Stempel aufzudrücken verstand. Eine opulente Werkschau des 1986 gestorbenen "Aristokraten am Cello".