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18.01.2006

Querdenker unter sich

Michail Vasil’evič Pletnëv, Querdenker unter sich

Mikhail Pletnev gehört nicht zu den Musikern, die viele Worte machen. "Mozart? Ich spiele ihn so, wie ich ihn höre", meint er zu seiner Aufnahme von vier Klaviersonaten, den drei verspielten von 1778 K.330, K.331 und K.332 und der dunklen K.457 von 1784, die schon Beethoven'sches Pathos vorweg nimmt. Und tatsächlich muss der russische Meisterpianist nur wenige Töne anschlagen und es wird deutlich, dass seine Vorstellung von der Klavierkunst Mozarts ebenso eigenwillig wie betörend ist.

Nachbearbeitung mag Mikhail Pletnev nicht. Ebenso wenig langwierige Studiositzungen zum Herausfummeln der letzten technisch möglichen Sounddetails. In dieser Hinsicht hat er einen genialischen Ansatz. Das Werk muss sitzen, die Aufnahme auch, lediglich die eine oder andere Wiederholung ist gerade noch im Rahmen. Weitaus wichtiger empfindet er hingegen den speziellen Klang des Instrumentes, mit dem er sich an die Umsetzung eines Stückes wagt. Deshalb bestand er beispielsweise für die Einspielung der Mozart'schen Klaviersonaten im Juni 2005 auf einen großen Blüthner Flügel, weil dieser eben jede ausgewogene Tongestalt bei gleichzeitig mächtigen und transparenten Bässen hat, die ihm unter anderem für die c-moll Sonate K.457 vorschwebte. Die Aufnahme selbst war die Sache eines Abends. "Pletnev spielte alle vier Sonaten in einer Nacht", erzählt der langjährige Produzent des Pianisten Christian Gansch. "Er brauchte dazu keine Noten. So gegen ein oder zwei Uhr am Morgen war er dann richtig in Fahrt. Und zwischen Viertel nach zwei und halb fünf machten wir die letzten Aufnahmen. Zwischen den einzelnen Sonaten gesellte er sich zu uns in die Regie, um sich die Playbacks anzuhören. Da sprachen wir dann auch über die Musik und er genehmigte sich mitunter eine Zigarette."

 

Das ist Old School, arbeiten nach Art der Väter. Aber das passt sowohl zur Musik als auch zum Interpreten. Mikhail Pletnev, Jahrgang 1957, groß geworden noch im Räderwerk der sowjetrussischen Leitungsmaschinerie, Pianist, Dirigent, Komponist, international durchgestartet nach der Wende, ist inzwischen unangefochten der Primus einer über alle Probleme erhabenen Spielkultur, die es ihm gestattet, sich ohne Bedenken über die Vorgaben hinwegzusetzen, die die lange Interpretationsgeschichte der Mozartsonaten nahe legt. "Bei Mozart sind humorvolle Sachen häufig sehr ernst. Und ernste Sachen, wie auch immer, sehr humorvoll", meint er zu seiner Vorstellung der Klanggestalt und ergänzt: "Musiker müssen eine gewisse Kraft der Imagination besitzen. Ein Künstler ohne Intuition, tut besser daran, es als Buchhalter zu versuchen".

 

Gemäß dieses ästhetischen Credos erlaubt es sich Pletnev, Mozart voll und ganz aus seiner eigenen Person heraus zu verstehen. Das bedeutet, dass er Tempi und Ritardandi nach seinem Gusto gestaltet, Akzente individuell setzt, ohne aber damit die Gesamtheit des jeweiligen Werkes und des Spannungsbogens der kompletten Aufnahme aus den Augen zu verlieren. So entsteht eine Interpretation, deren Binnendifferenzierung von faszinierender Schärfe bestimmt ist, obwohl der Zugang persönlich und bestimmt ist. Sie ist romantisch im Sinne des aus sich selbst heraus schaffenden, kreativen Ansatzes, nicht aber im Hinblick auf das klare und dezidierte Klangresultat. Aber das ist ja gerade die Charakteristik eines wirklich großen Pianisten. Er verneint die bisherigen Grenzen, vermeidet wohlmöglich bewusst, sich an ihnen zu messen und sieht seine einzige Vorgabe in der Musik selbst, die er zu seiner Persönlichkeit in Beziehung setzt. Auf diese Weise entwickelt er neue Maßstäbe, vor allem wenn er auf dem Niveau von Mikhail Pletnev mit einem Werkkomplex kommuniziert.