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18.01.2006

Auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe

Wer weiß, wie viele musikalische Juwelen noch in privaten Sammlungen verborgen sind. Schließlich wird in der Regel nicht über alles akribisch Buch geführt, was Künstler im Laufe ihres Lebens für sich oder auch nur für einen kleinen Kreis festhalten. Die Mozart Tapes von Friedrich Gulda zum Beispiel wären beinahe unentdeckt geblieben, wäre nicht die Witwe des Tonmeisters Hans Klement eines Tages auf einen Stapel alter Musikkassetten gestoßen, die noch im Archiv ihres Mannes lagerten. Es wäre unendlich schade gewesen, denn auch diesmal zeigt der Wiener Genius am Klavier, dass er sich als Interpret mühelos auf Augenhöhe des Komponisten bewegt.

Friedrich Gulda umgab sich gerne mit der Aura des Alleskönners, der ein beliebiges Klavierstück nur einmal scharf anschauen musste und schon hatte er es in der bestmöglichen Interpretation parat. Tatsächlich zeigen schon die frühen Aufnahmen von 1947-49, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, dass er sich bereits im Teenageralter über die spieltechnischen und interpretatorischen Grenzen seiner Generation hinwegzusetzen verstand. Ein Komponist allerdings war ihm zeit seines Lebens besonders ans Herz gewachsen, weil er sich, ähnlich wie Gulda selbst, an keine musikalischen Konventionen zu halten gedachte. Wolfgang Amadeus Mozart war der Querdenker des ausgehenden Barocks und der einsetzenden Klassik, der Mann zwischen allen Stühlen, der trotz der klaren Vorgaben seiner Epoche (und des eigenen Broterwerbs) ständig neue Wege des künstlerischen Ausdrucks beschritt. Gulda hatte Respekt vor dem Klang- und Formenkosmos des Salzburger Meisters, so sehr, dass er sich immer wieder mit ihm beschäftigte, aber durchaus nicht jede Auseinandersetzung auch öffentlich machte. So baute er beispielsweise im Landhaus des Grazer Operndirektors André Diehl, einem idyllisch am Attersee im oberösterreichischen Salzkammergut gelegenen Anwesen, ein vorläufiges Studio auf, um sich dort in der entsprechenden Atmosphäre jenseits des Klassikbetriebes konzentriert an einem Bösendorfer-Flügel dem Solo-Klavierwerk Mozarts widmen zu können. Es entstanden eine Reihe von Aufnahmen, denen Gulda jedoch offenbar unentschlossen genug gegenüber stand, um sie nicht an die Öffentlichkeit zu geben.

Und so verschwanden die Bänder in der Erinnerung, gelegentlich wurde darüber geredet, aber bis ins Presswerk gelangten sie nicht. Erst als Friedrich Guldas Sohn Rico sich rund fünf Jahre nach dem Tod des Vaters auf die Suche nach den vergessenen Dokumenten machte, wurde die Frage nach dem Verbleib der Mozartaufnahmen wieder aktuell. Hartnäckige Rekonstruktionsarbeit und ein bisschen Glück war vonnöten, dass tatsächlich die Witwe von Guldas Tonmeister Hans Klement die Kassetten-Kopien der verschollenen Bänder fand und so bekommen nun alle Fans des Pianisten und überhaupt die Klassik-Szene zum Mozart-Jahr ein besonderes Geschenk. Denn die im Winter 1980/81 entstandenen Mozart Tapes werfen, wie zu erwarten, ein ungewöhnliches Licht auf die Sonaten K.279-283, 311, 330, 332, 333, 545 und die Fantasie K.475. Gulda widmete sich den Werken mit einer Strenge und Klarheit, die dem romantisierenden und historisierenden Darstellungsgewohnheiten der Zunft widerspricht. Sein Mozart ist analytisch und reflektiert, zugleich beseelt von einer ebenso intellektuellen wie sinnlichen Zuneigung zu der Musik, so dass es ihm gelingt, die Sonaten von jahrzehnteschwerem Interpretationsballast diverser Vorgänger und Kollegen zu befreien, ohne sie damit zu entzaubern. Und das ist eine erstaunliche, geniale Leistung. Gulda gelingt es durch diese Mischung aus Persönlichkeit und Zeitlosigkeit nicht nur, die Diskussion um die Möglichkeiten der pianistischen Darstellung neu anzufachen, sondern schafft zugleich ein virtuoses Meisterstück des einfühlenden und nachhaltigen Musikverständnisses, das fortan in jeder Anthologie von Mozartaufnahmen einen prominenten Platz einnehmen wird.