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21.12.2005
John Eliot Gardiner

Rollenspiele

John Eliot Gardiner, Rollenspiele

Gioacchino Rossini (1792-1868) war ein ehrgeiziger Mann. Während seiner produktiven Phasen schrieb der Workaholic aus dem italienischen Pesaro bis zu sechs Bühnenwerke im Jahr, davon Meisterwerke wie "Il Barbiere di Siviglia" (1816) und "La Cenerentola" (1817). Er verkörpert wie kein anderer die klassische Phase der italienischen Oper, entzog sich allerdings auch bereits im Alter von 40 Jahren dem wachsenden Konkurrenzdruck und hörte nach "Guillaume Tell" 1829 auf zu komponieren. Zu seinen späten und immens unterhaltsamen Meisterstücken gehört die Verwicklungsgeschichte "Le Comte Ory", das nun in der Reihe Classic Opera in der gefeierten Aufführung von 1988 unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner zu erleben ist.

Der Graf von Ory ist ein Schwerenöter. Kaum sind die Kreuzritter aus der Torraine ins heilige Land aufgebrochen, schon stellt er deren daheim gebliebenen Frauen nach. Doch seine Umwelt ist nicht ganz so unbedarft, wie er meint. Zweimal kommt man ihm im Verlauf von Rossinis später Oper "Le Comte Ory" auf die Schliche und das erhoffte Stelldichein mit der Gräfin Adèle bleibt in weiter Ferne. So hat die Rolle des Grafen von Ory durchaus ihre Tücken. Denn der übermütige Charmeur muss während der Handlung in verschiedene Kostüme schlüpfen und einen spielen, der einen anderen spielt. In seiner Lust auf Liebesabenteuer gibt er im ersten Akt vor, ein Eremit zu sein, bei dem man Ratschläge holen kann. Die Rechnung scheint zunächst aufzugehen, denn nicht einmal sein Page Isolier erkennt ihn. Ebenso wenig die Gräfin und junge Witwe Adèle, die ihm ein Keuschheitsgelübde beichtet, von dem er sie natürlich eilends befreit. Wäre da nicht Orys Erzieher gewesen, der seine Camouflage durchschaute, hätte er wohlmöglich ein Ziel erreichen können. Doch der Graf gibt nicht auf. Im zweiten Akt verkleidet er sich als Pilgerin und findet Einlass in der Burg der Angebeteten. Diesmal jedoch ist es der Page, der ihn entlarvt, weil der zufällig dieselbe Frau verehrt.

So wird's nichts mit der Liebe, dafür hat es reichlich Verwirrspiele und Verkleidungen in der 1828 in Paris uraufgeführten Oper von Gioacchino Rossini. Und das wiederum braucht einen souveränen Grafen, der glaubwürdig als Frauenheld durchgeht und zugleich einen Eremiten und eine Pilgerin mimen kann, ohne dass er sich damit lächerlich macht. Für den Tenor John Aler war das kein Problem, sondern eine Herausforderung. Er bekam mit der Sopranistin Sumi Jo als Adèle das passende Subjekt der Anbetung und konnte sich entsprechend des Librettos auf der Bühne verlustieren. Regie und Inszenierung dieser Aufführungen in Lyon stammten von Jérôme Savary, die Aufnahmen entstanden im Februar und März 1988 in der Bourse de Travail. Das Orchestre et Choeur de l'Opéra de Lyon leitete damals der für seine historische Akribie bekannte John Eliot Gardiner und so entstand eine Musik, die vollends aus dem Geiste Rossinis gespielt zu sein scheint. Denn sie hat sowohl die Leichtigkeit eines souverän und modern geführten Klangkörpers als auch die interpretatorische Finesse, die man braucht, um aus dem Ränkespiel eine stringente und vorantreibende Aufnahme zu machen. Ein idealer Einstieg in die kompositorische Welt des späten Rossinis und darüber hinaus eine wunderbar unterhaltsame Einspielung auf dem modernsten Stand der Studiotechnik remastert. Ein Schmuckstück.