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23.11.2005

Gipfeltreffen

Gipfeltreffen

Beethoven galt als guter Pianist. Obwohl man keine direkten Vergleiche anstellen kann, ist doch anzunehmen, dass er tatsächlich weit mehr als die musizierenden Zeitgenossen mit seinem Instrument ausdrücken konnte, immerhin hat er seine Klavierkonzerte mit Vorliebe selbst vorgetragen. Diese Werke gehören seitdem zu den großen Herausforderungen für Pianisten, auch für jemanden wie Friedrich Gulda, der allerdings seine Kür mit Auszeichnung meisterte. Im vergangenen Mai wäre er 75 Jahre alt geworden und um das zu feiern ist nun eine opulente Box zum fairen Preis erschienen, die sowohl seine Anfang der Siebziger entstandenen Einspielungen der Beethovenschen Klavierkonzerte wie auch die mit dem Deutschen Schallplattenpreis prämierte Gesamt-Aufnahme der Klaviersonaten in einer Sammlung auf 12 CDs vereint.

Beethovens Vater war ein Trinker. Als er mehr durch Zufall als durch gezielte Förderung feststellte, dass sein Sohn offenbar eine ungewöhnliche Begabung am Klavier hatte, versuchte er möglichst schnell, daraus Kapital zu schlagen. Er schickte den Siebenjährigen, den er um der Sensation willen noch zwei Jahre jünger machte, auf die Bühne und als sich das als erfolgreich erwies, beschloss er, dem Jungen auch Unterricht angedeihen zu lassen. Beethoven Junior muss ein dickens Fell gehabt haben, denn trotz solcher eher abschreckender Kindheitserfahrungen mit dem Klavier, blieb er zeit seines Lebens fasziniert von dem Instrument und schrieb dafür einige seiner zentralen Werke. Die 32 Klaviersonaten als wichtiges Experimentierfeld mit den Möglichkeiten struktureller, formaler Arbeit und deren Relativierung entstanden zwischen 1795 und 1822, die fünf Konzerte zwischen 1795 und 1809. Sie waren für die stilistische Entwicklung Beethovens nicht von gleicher Bedeutung wie die Laborform der Sonate, denn sie orientierten sich an der für das Publikum wichtigen Virtuosität der solistischen Partien. Außerdem entfernten sie sich trotz beispielsweise des unkonventionellen Anfangs des vierten Klavierkonzerts - hier beginnt das Klavier allein den ersten Satz und stellt die Themen vor, anstatt sich vom Orchester einführen zu lassen - nie vollständig von den Vorlagen Mozarts, die als konzeptionelles Schema die Ausgestaltung der Werke bestimmten. Beethoven beschäftigte sich während seiner späten Jahre kaum noch mit dieser Form. Ein 1815 angefangener Versuch blieb mit 60 Partiturseiten unvollendet.

Ganz anders die Sonaten. Sie begleiteten den Komponisten von jungen Jahren bis ins hohe Alter, ließen ihn verspielt mit der Wiener Klassik kokettieren oder im Falle der rätselhaften "Sonate Nr.32 in c-moll, op.111" die formalen Grenzen der Gattung in Frage stellen. Sie wurden zu Hits wie die "Mondscheinsonate", zu Klassikern des Salonpianos wie die "Pathétique" und dokumentierten in vielfacher Art die künstlerische Gestaltungskompetenz des Komponisten. Insofern stellt es auch eine besondere Herausforderung dar, den Zyklus komplett von den Werken des jungen Virtuosen bis zu denen des introvertierten Sonderlings zu interpretieren, der bereits ertaubt nur noch im Geiste mit den Harmonien jonglierte. Für den pianistischen Überflieger Friedrich Gulda hatte es daher einen besonderen Reiz, dieses Spektrum in einem großen Spannungsbogen darzustellen. Schon als 23jähriger erregte er in den Klassikwelt Aufsehen, als er die Sonaten 1953 in chronologischer Reihenfolge aufführte. Im Jahr 1968 ging er für die Decca ins Studio und hielt seine Erfahrungen mit den Werken auf Bändern fest. Es wurde ein Klassiker der Interpretationskultur, an dem sich kein Pianist von Rang unkommentiert vorbei bewegen kann. Denn Gulda legte alles in die Aufnahmen, was er an Erfahrungen gesammelt und an Genie zu bieten hatte. So sind sie von improvisatorisch tändelnder Leichtigkeit ebenso wie von strenger Disziplin geprägt, immer klar und individuell im Ausdruck, feurig und leidenschaftlich im Impetus vor allem in den schnellen Passagen. Die Klavierkonzerte wiederum wurden Anfang der Siebziger zusammen mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Horst Stein für die Nachwelt festgehalten und zeigen Gulda ebenfalls als betörend vielseitigen Virtuosen, der den Hörer von verspielter Noblesse bis zu sinistrer Bedeutungstiefe zu leiten versteht. Die in der Eloquence-Reihe in limitierter Auflage erschienene, auf den neuesten Stand der Wiedergabe-Technik gebrachte Zusammenstellung ist daher ein Muss für jeden Beethoven-Spezialisten im Speziellen und Klaviermusik-Freund im Allgemeinen.