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09.11.2005

Falscher Stolz

Falscher Stolz

Die verpasste Gelegenheit gehört zu den klassischen Themen des Theaters. Peter Tchaikowsky widmete ihr eine ganze Oper, in der der stolze Onegin erkennen muss, dass seine Ablehnung der Liebe einer jungen Frau ihm nur Verdruss gebracht hat, ja in eigentümlicher Verästelung der Handlung sogar nachhaltig sein Leben in negativer From beeinflusst hat. Die 1879 in Moskau uraufgeführte Oper "Eugene Onegin" gehört bis heute zu den Höhepunkten des internationalen Repertoires und die von Semynon Bychkov dirigierte Inszenierung zu den hochgelobten Umsetzungen des leidenschaftlichen Stoffs.

Peter Tchaikowsky (1840-93) ließ sich nicht vereinnahmen, auch wenn mancher ihn gerne vor den Karren des Nationalismus gespannt hätte. Geboren in Wotkinsk im mittleren Ural, aufgewachsen fern von den Verirrungen und Verlockungen der Großstadt, war er zwar zum einen ein idealtypischer Russe, verwurzelt in den Traditionen der Volksmusik, geprägt von der Frömmigkeit seiner Umgebung und der latenten Schwermut, den Menschen in kargen Landschaften zuweilen entwickeln. Auf der anderen Seite aber brachten ihn die Kunst und der Erfolg in den Kontext der internationalen Intelligentija, die ihn gerne als Nachfolger Glinkas oder zumindest als eine schillernde Figur im Kulturbetrieb verankert hätte. Tchaikowsky jedoch, war zu schlau, um sich vereinnahmen und zu passioniert, um alles an sich abtropfen zu lassen. In den späten Jahren plagten ihn Depressionen, obwohl ihn seine Konzerte und vor allem Ballette zum Star der russischen Musikszene gemacht hatten. Als er aber 1877 seine vierte Oper "Eugene Onegin" schrieb, hatte er noch die nötige Naivität, um den von Alexander Puschkin adaptierten Stoff aus dem Überschwang des Gefühls heraus wachsen zu lassen.

Die Geschichte spielte im Russland des beginnenden 19.Jahrhunderts. Der Dichter Lenski liebt Olga, deren Schwester Tatjana wiederum verehrt den Gutsbesitzer Onegin, Lenskis Freund, der aber von ihr nichts wissen will. Bei einem Ball im Hause der Schwestern brüskiert Onegin nun seinen Kumpan, indem er mit Olga tanzt. Er wird zum Duell gefordert. Lenski stirbt, Onegin geht ins Ausland, schlägt sich durch. Jahre später begegnen sich der Duellflüchtling und Tatjana wiederum auf einem Fest. Die ehemalige Verehrerin ist vorteilhaft verheiratet. Onegin, der ihr nun seine Liebe gesteht und sie um Verzeihung bittet, wird von ihr fortgeschickt, obwohl sie ihn immer noch liebt. Jeder ist seines Glückes Schmied scheint als Quintessenz am Ende des Melodrams zu stehen, allerdings verzichtete Tchaikowsky auf Moralismen und konzentriert sich vor allem auf die emphatische Musik, mit der er die Handlung begleitet. Sie zeigt den jungen Komponisten bereits auf der Höhe seiner Ausdruckskraft, als jemanden, der Kunst macht, ohne dabei artifiziell zu wirken und mit dem Fingerspitzengefühl für die nötige Portion Pathos Liebe und Enttäuschung in Töne fasst.

Das wiederum machte seit den ersten Aufführungen ausdrucksstarke Inszenierungen möglich, die genau mit diesem Gegensatz von Schönheit und Scheitern spielen. Die Aufnahme in der Reihe Classic Opera wurde 1993 erstmals veröffentlicht und präsentiert mit Dimitri Hvorostovsky in der Titelrolle, Neil Shicoff als Lenski, Nuccia Focile als Tatjana, Olga Borodina als Olga und Sarah Walker als Mutter Larina ein überzeugendes Team faszinierender Stimmen, das dem leicht in den Kitsch abgleitenden Stoff mit der nötigen Seriosität begegnet. Das Orchestre de Paris wird dirigiert von Semyon Bychkov, der St. Petersburger Kammerchor sorgt souverän für die passenden Ensemblepassagen. So hat die Reihe Classic Opera einen besonderen, weil ausgesprochen unmittelbaren "Eugene Onegin" zu bieten, der getrost als gelungener Einstieg in Tchaikovskys Opernwelt empfohlen werden kann.