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09.11.2005

Fundstücke

Fundstücke

Telemann war skeptisch. Als junger Komponist und Geiger stand er der musikalischen Mode des Violinkonzertes, wie es die italienische Schule pflegte, mit gemischten Gefühlen gegenüber. Seiner Meinung nach stand dort die Virtuosität über dem musikalischen Gehalt, in einem Maße, dass man "zwar viele Schwürigkeiten und krumme Sprüng, aber wenig Harmonie und noch schlechtere Melodie antraff". Trotzdem beschäftigte er sich mit dieser Form und komponierte bereits während seiner Eisenacher Zeit (1708-12) Werke wie das "Konzert in A-Dur, TWV 52:A2", das zu den Raritäten gehört, die die Berliner Barocksolisten und ihr Gast an der Oboe Albrecht Mayer für das Programm "Sinfonia Melodica" ausgewählt haben.

Als Georg Philipp Telemann 1767 starb, galt er längst zusammen mit Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach als der wichtigste deutsche Komponist von Instrumentalmusik seiner Generation. Mit Werksammlungen wie "Musique de Table" (1733), der "Quadri" (1730) oder auch den "Nouveaux Quatuors" (1733) hatte er die französische höfische Kunstmusik umgedeutet und mit verschiedenen Gestaltungstraditionen des Barocks produktiv verschmolzen. Seit seinem achtmonatigen Aufenthalt in Paris anno 1737 eilte ihm europaweit der Ruf des großen Stilsynchretisten voraus, der nicht nur französische, italienische und polnisch folkloristische Klangideen souverän verbinden konnte, sondern darüber hinaus in beinahe erschreckendem Tempo neue Meisterwerke erdachte. Bis zu seinem Lebensende entstanden allein rund 1400 Kirchenkantaten, 50 Opern, 1000 Orchestersuiten und etwa 100 Solokonzerte, dazu kamen zahlreiche Kammermusik-, Ensemble- und Sakralwerke. Telemann löste sich dabei vom strengen Kontrapunkt seiner Vorgänger und integrierte die galante Formensprache seiner Epoche in seine Kompositionen. Es war der Übergang vom Barock zum Rokoko, in späten Jahren sogar zur Frühklassik und war durch seine Leichtigkeit und Intelligenz gleichermaßen bei Hofe wie beim gehobenen Bürgertum geschätzt.

Telemann war ein Star, seine kaum zu bändigende Schaffenskraft führte allerdings auch dazu, dass manche Kompositionen mehr oder weniger ausgearbeitet sich ihren eigenen Weg in private und öffentliche Archive suchten. Die Berliner Barock Solisten und ihr Leiter Rainer Kussmaul gaben sich daher nicht mit dem bekannten Material zufrieden, sondern forschten für "Sinfonia Melodica" nach verschütteten, weithin unbekannten Fundstücken aus seiner Feder. Und sie wurden fündig. Das fragmentarisch überlieferte "Konzert in d-moll TWV 51:d2" zum Beispiel muss irgendwann nach 1716 entstanden sein und arbeitet im venezianischen Stil der Satzgestaltung (schnell - langsam - schnell) mit einem zusätzlichen verhaltenen Vorspiel.

 

Ebenfalls nur teilweise erhalten ist das "Konzert in E-Dur, TWV 51:E3), das Telemann unter dem Pseudonym "Melante" komponierte und das unter anderem volksmusikalisch synkopierte Rhythmen in seine Klanggestalt mit aufnahm. Zu den spätesten Werken des Komponisten wiederum zählt die 1766 geschriebene Tanzsuite "Sinfonia Melodica TWV 50:2", die zwar in manchen Details wie der Besetzung mit zwei Oboen entfernt an die instrumentalen Gewohnheiten der Lully-Schule erinnert, im Ganzen jedoch eher einem modifizierten italienischen Konzertstil zuzuordnen ist. Sie gab der Zusammenstellung einen Namen, mit der sich die Berliner Barock Solisten unter der Leitung von Rainer Kussmaul selten gespielten Werken Telemanns widmen. Ergänzt um den Solo-Oboisten der Philharmoniker Albrecht Mayer als Gast gelingt ihnen auf diese Weise ein glänzendes musikalisches Portrait mit Weltersteinspielungen am Beispiel von Nebenlinien des kompositorischen Geschehens, die sich als nicht minder essentiell herausstellen, als es das bekannte Oeuvre ist.