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07.10.2005

Wiener Esprit

Wiener Esprit

Mit Yundi Li und Kollegen wie Lang Lang hat eine neue Ära des Klavierspiels angefangen. Denn nach den sanktionierten Jahren der Kulturrevolution öffnet sich China nach und nach dem Rest der Welt und beginnt, mit seinen Qualitäten zu spielen. Dazu gehört auch eine Generation junger Künstler die mit schier unglaublicher Virtuosität sich der musikalischen Zeugnisse des Abendlandes annimmt. Der 23jährige Yundi Li zum Beispiel verblüffte die Fachwelt bereits mit seinen ersten drei Veröffentlichungen, die sich vor allem dem Werk Frédéric Chopins und Franz Liszts verschrieben hatten. Nun wagt er sich mit dem "Vienna Recital" erstmals auch an Robert Schumann, Domenico Scarlatti und Wolfgang Amadeus Mozart. Und eilt damit in zügigen Schritten die Karrieretreppe hinauf.

Yundi Li war sieben, als er begann, sich ernsthaft mit dem Klavier auseinander zu setzen, nachdem er im Kindergarten zunächst mit Akkordeon konfrontiert worden war. Zwei Jahre später beschloss der Junge aus Tschungking für sich, Pianist zu werden. Er wurde gefördert, brachte mehrere Wettbewerbe in seiner chinesischen Heimat erfolgreich hinter sich und suchte jenseits der Oberfläche der technischen Perfektion bereits nach den besonderen Geheimnisse der Interpretation. Li machte er sich über große Lehrer der Zunft Gedanken, ging daraufhin in die USA, gewann auch dort mehrere Jugendwettbewerbe. Das war ermutigend, aber auch ernüchternd, denn er wurde mit der Vielfalt des pädagogischen Angebots wie auch der Konkurrenz konfrontiert. Mit profundem Selbstbewusstsein allerdings ließ der Junge die Anfechtungen an sich abprallen, meinte in einem Interview, er wolle ein neuer Zimerman werden in dem Bewusstsein, dass ihn sein großes Vorbild am Klavier bereits mit der Begründung abgelehnt hatte, er habe ihm kaum noch etwas beizubringen. Anno 2000 in Warschau schaffte es Yundi Li nicht nur, in der Tradition berühmter Vorgänger wie Maurizio Pollini und Martha Argerich die Jury von seiner kraftvollen und energischen Spieltechnik zu überzeugen. Er bekam außerdem einen Sonderpreis für die am besten interpretierte Polonaise und konnte auf diese Weise den Kritikern, die dem 18jährigen noch keine inhaltliche Tiefe zutrauten, das Urteil der Juroren entgegenhalten.

Seitdem ist der Kalender voll. Yundi Li tourt als neuer Star der Virtuosenszene um die Welt, beeindruckt das Publikum von Tokio bis New York und findet darüber hinaus die Zeit, sich auch auf neue Aufnahmen einzulassen. In diesem Herbst nun stellte er sich gleich mit zwei verschiedenen musikalischen Visitenkarten vor. Da ist zum einen die DVD "Live In Concert", die am 31. Mai 2004 in Baden-Baden mitgeschnitten wurde. Sie präsentiert Li mit seinem bevorzugten Programm und weist ihn als einen furiosen Interpreten der Chopinschen "Scherzi", der "Nocturne op. 9, Nr. 2" und von Liszts "Piano Sonata in h-moll" und der "Rigoletto-Paraphrase" vor. Brandneues Material wiederum stellt er auf der CD "Vienna Recital" vor. Sie wurde im Juni 2005 im für seine einzigartige Akustik berühmten Großen Saal des Wiener Musikvereins aufgenommen und zeigt einen bislang unbekannten Yundi Li, der sich neben Schumann und Scarlatti auch Mozarts "Sonate C-Dur K330" zuwendet: "Dieses Werk ist frei von Schatten und Problemen. Es strahlt einen wundervollen Sinn für Entspannung aus und lässt jeden sich fröhlich fühlen", kommentiert er seine jugendlich verspielte Deutung des Stückes, das von Li aus dem akademisch ernsten Kontext gelöst wird, der ihm an anderer Stelle zugeordnet wird. Analytisch klar und gestochen scharf hingegen interpretiert er die beiden Sonaten von Domenico Scarlatti, die von Li auf ihren gestalterischen Ursprung zurückgeführt werden. Liszts "Rhapsodie Espagnole S 254" ist ein Feuerwerk der inspirierten Geläufigkeit und Schumanns "Carnaval op.9" schließlich als Zentrum des Album ein schillerndes Panoptikum des juvenilen Gestaltungsdranges. Hier ist betörende Spielkultur und berauschende Klangkompetenz am Werk, ein Fest des romantischen Überschwangs.