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23.09.2005
Karl Böhm

Orgie des Wahnsinns

Karl Böhm, Orgie des Wahnsinns

Es war die erste Oper, die Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gemeinsam gestalteten. Der Komponist hatte 1905 eine Aufführung der Theaterfassung der Elektra gesehen, die Max Reinhardt inszeniert hatte. Fasziniert von der Idee, die psychologisierte Umdeutung des antiken Stoffs zu vertonen, bat er den Dramatiker um dessen Zustimmung. Hofmannsthal war ebenfalls begeistert von dieser Idee und so begann eine langjährige Zusammenarbeit, die zu den kreativsten künstlerischen Symbiosen des vergangenen Jahrhunderts gehört.

Noch einmal wollte Karl Böhm die Elektra dirigieren. Sie begleitete den Maestro über beinahe eine Lebensspanne hinweg und durch die enge Freundschaft mit Richard Strauss gehörte sie auch zu seinem besonderen Schwerpunkten. Die Deutsche Grammophon machte es möglich und so konnte der 86jährige österreichische Dirigent sich in die Wiener Sophiensäle begeben und im Frühsommer 1981 mit den Philharmonikern und einem illustren Reigen von Solisten das finstere Meisterwerk festhalten. Er interpretierte es klar, getragen, stellenweise langsamer als in früheren Versionen, den Fokus auf dem sich inwendig und extern der Hauptfigur abspielenden psychotischen Geschehen. Das passte zu dem zweiten Plan dieses Projektes, der in der filmischen Umsetzung der Elektra durch Götz Friedrich bestand. Denn der Regisseur und Bildvisionär stellte sich das antike Theben als eine Art Un-Ort vor, eine Ruinenlandschaft des ehemaligen Palastes von Agamemnon, in der die Tochter des ermordeten Despoten wie eine Geistgestalt nur noch dem Gedanken der Rache an ihrer Mutter Klytämnestra nachhängt. Die Räume dieser apokalyptischen Landschaft wurden künstlich erstellt, in einer ehemaligen Lokomotivenfabrik vor den Toren Wiens und sie sind bestimmt von kaltem Licht, Regen, Blut und Schutt. Nach der Maxime 'innen gleich außen' stellen sie das zerklüftete, manische Seelenterrain der Elektra dar, eine schaurige Versinnbildlichung ihrer krankhaften Vendetta-Idee voller Phantasmagorien, die selbst als reale Figuren nur wie ein Teil ihrer selbst wirken.

Götz Friedrich trägt dick auf. Da watet die Hauptdarstellerin in knöcheltiefem Wasser, das Gesicht zombihaft fahl, immer wieder werden Bluträusche inszeniert, sei's in der Opferszene oder auch am Schluss, wenn Orest Klytämnestra und Ägist meuchelt. Nirgendwo Hoffnung, nicht einmal für die schuldlos gebliebene Schwester Chrysothemis. Die Welt ist ein Jammertal, eine expressionistische Chimäre. Für die Darsteller wiederum bedeutete das extreme Anstrengung, um die latente Spannung und Aggression glaubhaft zu machen. Die erfahrene Leonie Rysanek ließ sich auf die Titelrolle ein, Astrid Varnay mimte eine grotesk überzogene Klytämnestra, Catarina Ligendza die zwischen allen Stühlen der Emotion sitzende Chrysothemis. Im Vergleich zu diesem Dreigestirn der extremen Weiblichkeit hatten Dietrich Fischer-Dieskau als distanziert rächender Orest und Hans Beirer als albernes Weichei Ägist die inhaltlich farbloseren Partien, auch wenn sie ähnlich komplex zu singen sind wie der Rest. Überhaupt präsentierten die Solisten eine ergreifend direkte, persönliche Interpretation der Charaktere, die dem individualisierten Rollenverständnis des Originals sehr nahe kamen. Sie wurde die Friedrich / Böhm-Version der Elektra, die nun auf DVD im bewährten Surround-Sound (wahlweise Stereo) erhältlich ist zu einer provozierenden Schreckensvision, die Leid und Wahnsinns, Schuld und Ausweglosigkeit nachhaltig illustriert. Friedrichs Operndeutung ist damit einerseits ein Kind der frühen Achtziger, deren Weltgefühl von diffusen Existenzängsten vor Atomraketen, Umweltverschmutzung etc. geprägt war, wie auch ein neoexpressionistischer Rekurs auf die für die Menschen ihrer Zeit noch weitaus beängstigendere Epoche des Fin-de-Siècles, die 1909 die Uraufführung des aufwühlenden Bühnendramas und nur fünf Jahre später die Einlösung der Apokalypse mit den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte.