Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

16.09.2005
Claudio Abbado

Himmlische Freuden

Claudio Abbado, Himmlische Freuden

Wie so oft war Gustav Mahler nicht zufrieden. Bereits 1892 arbeitete er zum ersten Mal an Teilen seiner vierten Symphonie, die Hauptgestaltungsphase fiel in den Zeitraum von 1899 bis 1900. Nach der Premiere am 25. November 1901 in München setzte eine abermalige Korrekturphase ein, die bis 1910 dauerte. So veränderte er ständig etwas an einem Werk, das aus heutiger Perspektive zu den vergleichsweise heiteren Exempeln seiner Tonkunst gehört. Im Mai dieses Jahres nahm Claudio Abbado die vierte Symphonie zusammen mit den "Sieben frühen Liedern" von Alban Berg ins Programm für sein zweites Gastspiel bei seinem ehemaligen Stammorchester, den Berliner Philharmonikern. Als Star für die Vokalpartien kam außerdem die Sopranistin Renée Fleming auf die Bühne und vervollständigte das Programm zum kulturellen Ereignis, das nun auch auf CD zu erleben ist.

Mahler war Skeptiker. Er traute seinem Publikum nicht, weil er es oft genug erleben musste, dass die Menschen im Konzertsaal nicht nachvollziehen konnten, was er sich mit seiner Partitur gedachte hatte. Mit der vierten Symphonie (1900) machte er da keine Ausnahme. Nach außen hin mochte sie heiter und beinahe ein wenig naiv wirken - den Pfad zum romantischen Verständnis hatte Mahler über das Wunderhorn-Lied im vierten Satz selbst gewiesen -, im Kern jedoch gestaltete sie sich wesentlich dramatischer als vorgegeben. In einem Brief an Alma schieb Mahler mit ein paar Monaten zeitlicher Distanz: "Meine IV. wird Dir ganz fremd sein. - Die ist wieder ganz Humor - naiv etc.: weißt du, das an meinem Wesen, was Du noch am Wenigsten aufnehmen kannst - und was jedenfalls in alle Zukunft nur die Wenigsten erfassen werden". In einem weiteren Brief hieß es dann: "Im Allgemeinen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Humor dieser Sorte (wohl zu unterscheiden von Witz und muntrer Laune) selbst von den besten nicht erkannt wird". Er sollte Recht behalten. Die Menschen im Saal reagierten reserviert auf Mahlers symphonische Entwicklungsschritte, ganz im Unterschied zu einem Jahrhundert später, als in der Berliner Philharmonie Begeisterungsstürme losbrachen, als Abbado und sein Orchester ihre Version der Vierten vorstellten.

So konnte man beispielsweise in der Tageszeitung Die Welt lesen: "Mahlers 4.Sinfonie wurde heiter und dabei sehr ernst genommen. Abbado setzte unaufdringliche Akzente von Anfang an, streute Ruppigkeiten ein, entwickelte besonders im 3.Satz weiträumig gedachte Strömungen leiser Intensität, in welche die große C-Dur Entladung eher sachte dazwischenfuhr. Die janusköpfige Gestalt des Werkes wurde besonders deutlich - eine fesselnde Auseinandersetzung. Und die Fleming legte alle ihre Jungmädchentöne in das Finale vom 'Himmlischen Leben'. Satter Jubel. Was soll da noch kommen?" In jedem Fall die CD-Version des Konzertereignisses, die mit der gewohnten Klangperfektion der Deutschen Grammophon Mahler und die Lieder von Berg für die Nachwelt festhält. Denn wie heißt es bereits im vierten Satz der Symphonie, im Wunderhorn-Gedicht vom "himmlischen Leben", das Mahler ostentativ in den orchestralen Klangkontext integrierte: "Wir genießen die himmlischen Freuden, drum tun wir das Irdische meiden. Kein weltlich Getümmel hört man nicht im Himmel! [...] Kein Musik ist ja nicht auf Erden, die unsrer verglichen werden kann..."