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02.09.2005

Melancholie des Alterns

Melancholie des Alterns

Keiner kann so schauen wie Bill Murray. Ganz gleich, ob er einen frustrierten Lokaljournalisten ("Und täglich grüßt das Murmeltier"), einen geschäftstüchtigen Pseudowissenschafter ("Ghostbusters"), einen vereinsamten Kino-Star ("Lost in Translation") oder einen freakigen Cousteau-Verschnitt ("Die Tiefseetaucher") mimt, sein lakonischer Gesichtsausdruck verhilft den Filmen zu Charme und Komik. Aus diesem Grund hat auch Jim Jarmusch ihm angeboten, ob er sich nicht auf eine hintersinnige Komödie einlassen wolle - und Murray für Broken Flowers gewonnen. So konnte einer der schönsten Filme dieses Sommers entstehen, der noch dazu mit einem ausgezeichneten Soundtrack gesegnet ist.

Don Johnston (Bill Murray) hat nicht wirklich Glück bei den Frauen. Kaum hat seine Ehefrau zum letzten Mal die Tür hinter sich zugeschlagen, schon flattert ihm ein Brief in rosafarbenem Umschlag ins Haus, in dem ihm mitgeteilt wird, er habe einen 19jährigen Sohn, von dem er bislang nichts wisse. Hinlänglich verwirrt fragt er seinen Nachbarn um Rat, was er denn nun tun solle, und dieser empfiehlt ihm, doch alle seine Liebschaften diskret noch einmal zu besuchen. Johnston macht sich also auf die Socken und begegnet seiner eigenen Vergangenheit in Gestalt von vier sehr unterschiedlichen Frauen. Da ist zunächst Laura (Sharon Stone), frisch verwitwet, die zwar eine Tochter und einen schier grenzenlosen Sexdurst hat, aber von einem Sohn nichts weiß. Dora (Frances Conroy) wiederum, einst eine fesche Hippie-Braut, entpuppt sich als Spießerin, die in ihrer eigenen Langeweile erstarrt. Carmen (Jessica Lange) hingegen hat sich inzwischen ganz auf die Arbeit mit Haustieren verlegt und komplimentiert ihren Ex-Lover zügig wieder zur Tür hinaus. Bleibt noch die Rockerin Penny (Tilda Swinton), von der er sich wüste Beschimpfungen anhören muss und deren neuer Freund ihn anständig vermöbelt. Kurzum, die Reise bleibt ohne Ergebnis, bis sich gegen Ende doch noch etwas Unerwartetes ereignet ...

Murray und seine prominent besetzten Schauspielkolleginnen brillieren unter der Ägide von Jim Jarmusch, der wiederum die nötige Gelassenheit an den Tag legt, um aus dem Plot eine hintergründige Komödie werden zu lassen. Das ist seine spezielle Note, die schon "Stranger Than Paradise" (1983), "Down By Law" (1986), "Night On Earth" (1991) oder auch jüngere Filme wie "Coffee And Cigarettes" (2003) zu Kultobjekten der Cineasten werden ließ. Dabei kommt auch der Musik eine wichtige Funktion zu, die stimmungsbildend oder sogar dramaturgisch wichtig zum Geschehen gehört. Wenn etwa Screamin' Jay Hawkins in "Stranger Than Paradise" aus dem Kassettenrecorder entgegen tönt oder Tom Waits die fünf Taxi-Szenen von "Night On Earth" krächzend sekundiert, das gibt Impulse, kreiert Atmosphären. So ist auch die Filmmusik zu Broken Flowers wieder ein Panoptikum der stilistischen Möglichkeiten. Da gibt es Beat-Inspiriertes von den Greenhorns, ein wenig nöligen Orgel-Boogaloo und Soul-Jazz von Mulato Astatke, Old-School-Reggae von The Tennors, streicherumwölkten Motown-Soul von Marvin Gaye, herben Independent-Blues und Freakrock von Brian Jonestown Massacre und Sleep, aber auch das "Pie Jesu" aus dem "Requiem op.48" von Gabriel Fauré. Und so kommt es, dass nicht nur der Film Brocken Flowers durch seine Eigenwilligkeit besticht, sondern auch der dazu gehörige Soundtrack, der sich mit Jarmusch'scher Selbstverständlichkeit positiv vom Einerlei vieler anderer Filmmusiken unterscheidet.