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26.08.2005

Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble - The Eleventh Hour

Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble, Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble - The Eleventh Hour

1992 gründete der britische Saxophonist Evan Parker sein Electro-Acoustic Ensemble, um in einem auf Improvisation basierenden Kontext die Klänge akustischer Instrumente mit jenen live bedienter elektronischer Geräte und Computer zu verbinden. "Die Erforschung der Bezüge zwischen elektronisch bearbeitetem Material und Naturklang", hieß es in der Süddeutschen Zeitung in einer Rezension eines Albums dieses Ensembles, "gehörte von Anfang an zum sowohl ästhetisch avanciertesten wie intellektuell anregendsten, was die europäische Improvisationsmusik in ihrer genretypischen Avantgarde-Erstarrung in den letzten zehn Jahren hervor gebracht hat."

"The Eleventh Hour" ist nun schon das vierte Album dieses außergewöhnlichen Ensembles, das einst als Sextett begann und mittlerweile elf Mitglieder umfaßt. Das einstündige Titelstück entstand als Auftragsarbeit des Glasgower Centre for Contemporary Arts und wurde dort im November 2004 im Rahmen einer Konzert- und Workshop-Reihe uraufgeführt. Parker hatte damals eine Woche Zeit, das neue Stück mit seinem elfköpfigen Ensemble einzustudieren. Dabei wurde täglich an Änderungen und Verfeinerungen gearbeitet, die bei den abendlichen Live-Auftritten in jedesmal anderen, ad hoc zusammengestellten Konstellation präsentiert wurden. Beim ersten Auftritt am 3. November 2004 spielte Parker eine seiner fantastischen Sopransax-Improvisationen, die dann von Lawrence Casserley, Joel Ryan and Walter Prati spontan auf elektronische und elektro-akustische Weise modifiziert wurde. Es entstand ein Stück von unglaublicher Dimension. Unter dem Titel "Shadow Play" befindet sich dieses Opus des reduzierten Ensembles auch auf diesem Album.

Die hier vorliegende Version der Auftragskomposition "The Eleventh Hour" wurde am 6. November aufgenommen und durchlief zuvor schon verschiedene Transformationen. Die neue Physikalität des Klangs, die unüberhörbar ist, verdankt sich nicht zuletzt der Mitwirkung der beiden Gastmusiker Richard Barrett und Paul Obermeyer. Beide sind auf ihrem Gebiet bestens bekannte Komponisten - vor allem Barrett, der erst kürzlich Auftragskompositionen für das Cikada-Ensemble und das BBC-Symphonieorchester fertigte. Gemeinsam bilden sie auch das elektronische Improvisations-Duo FURT, das nun schon seit 20 Jahren besteht.

Der junge amerikanische Bassist Adam Linson, der Barry Guy (den eigentlichen Bassisten des Ensembles) bei den Auftritten in Glasgow vertrat, brachte auch seine eigene Energie in die Konzerte und dieses Album ein. Linson, der einst bei George Lewis in San Francisco studierte, lebt heute in Berlin, wo er unter anderem mit Alexander von Schlippenbach arbeitet.

Der spanische Pianist Agustí Fernandez hinterließ schon auf dem 2003 erschienenen Album "Memory/Vision" einen starken Eindruck und spielt auf diesem neuen Album des Electro-Acoustic Ensemble nun sogar eine noch zentralere Rolle. Hier kann er sich sowohl von seiner lyrischen Seite zeigen, als auch seine phänomenale Technik demonstrieren. Fernandez bezog seine Inspiration von Cecil Taylor und Ianni Xenakis (bei dem er auch in Darmstadt studierte) und trat schon mit so unterschiedlichen Musikern wie dem Kornettisten Butch Morris, dem spanischen Tänzer Andrés Corchero, Violinist Mat Maneri und Pianistin Marilyn Crispell auf.

Joe Ryan wurde in Danbury/Connecticut geboren. Er gelangte auf dem Umweg über die Physik und Philosophie (er war ein Schüler Herbert Marcuses) zur Musik. In die Geheimnisse der Musik weihten ihn unter anderem Ravi Shankar und der mexikanische Filmkomponist José Barroso ein. Als er in den 60er Jahren in Kalifornien lebte, besuchte Joe Ryan inspirierende Konzerte von Legenden wie John Coltrane, Miles Davis, Thelonious Monk, Harry Partch und Jimi Hendrix. In den vergangenen zehn Jahren arbeitete Ryan in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder mit Evan Parker zusammen. Darüberhinaus ist er Mitglied von Joelle Leandres Gruppe und tritt auch regelmäßig mit Frances-Marie Uitti auf.

Lawrence Casserley war in Großbritannien einer der Pioniere der elektronischen und elektro-akustischen Musik. Er rief das Colourscape Festival ins Leben, ist seit über 25 Jahren als Professor für elektronische Musik am Royal College of Music tätig und machte sich einen Namen als Komponist, Computermusiker und Instrumentenerfinder. In den letzten zehn Jahren arbeitete er vorwiegend mit Musikern aus der Improvisationsszene zusammen.

Den in Mailand lebenden Walter Prati kennt man als Komponisten, der der Elektro-Musik-Szene viele neue Impulse gab. Er arbeitete nicht nur mit Vertretern der Neuen Musik und der Improvisationsszene zusammen, sondern auch mit progressiven Rockmusikern wie Robert Wyatt und Thurston Moore. Als Cellist spielte er kürzlich mit Barry Guy und Maya Homburger im Trio. In Evan Parkers Electro-Acoustic Ensemble brachte Prati seinen Partner Marco "Bill" Vecchi mit ein, der momentan für die Sound-Projektion verantwortlich zeichnet.

Philipp Wachsmann und Paul Lytton waren Gründungsmitglieder des Electro-Acoustic Ensemble und sind in den letzten dreißig Jahren auch sonst oft gemeinsam aufgetreten. Bei ECM brachten sie ihr Duo-Album "Some Other Season" heraus. Partner sind sie derzeit auch im King Übü-Orchester, im Trio mit dem Elektronik-Musiker Michael Bunce sowie in einem neuen Quartett mit dem AMM-Pianisten John Tilbury und dem amerikanischen Saxophonisten Ken Vandermark.

Evan Parker selbst ist einer der profiliertesten und einflußreichsten Musiker der europäischen Improvisationsszene. Sein Name tauchte schon auf über 250 Alben auf, und nicht wenige davon machte er als Leader oder Co-Leader. Seine erste Einspielung für ECM machte er 1979 mit der Music Improvisation Company, danach folgten weitere im Trio mit Paul Bley und Barre Phillips, mit Kenny Wheeler und mit Gavin Bryars.