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12.08.2005

Späte Versuchung

Späte Versuchung

Ludwig van Beethoven machte es den Nachfahren nicht leicht. Wer immer sich an symphonischen Werken versuchte, musste sich an seinen Werken messen lassen. Und die waren neben der eigentlichen künstlerischen Bedeutung über die Jahre zu einem von Publikum und Forschung verklärten Korpus angewachsen, dessen Verehrung noch am ehesten mit dem Kniefall der Nation vor Goethes Genialität zu vergleichen war. Eine Folge dieser Geisteshaltung: Werden viele Orchesterwerke als die Pflicht von Dirigenten angesehen, so gilt Beethoven nach wie vor als die Kür. Und daher verwundert es wenig, dass auch Zeitgenossen wie Sir Colin Davis sich den neun Meisterstücken der Tonkunst annehmen.

Tatsächlich erreichte die Verehrung schon zu Beethovens Lebzeiten eine Dimension, die manchen Kollegen zu kritischen Betrachtungen veranlasste. Robert Schumann beispielsweise, selbst einer von denen, der mit besonderer Kompetenz sich der musikalischen Feinabstufung zu widmen verstand, stellte mit sarkastischem Unterton fest: "Wie Italien sein Neapel hat, der Franzose seine Revolution, der Engländer seine Schiffahrt usw., so der Deutsche seine Beethovenschen Symphonien; über Beethoven vergißt er, daß er keine große Malerschule aufzuweisen, mit ihm hat er im Geist Schlachten wieder gewonnen, die ihm Napoleon abgenommen; ihn wagt er selbst Shakespeare gleichzusetzen". Richard Wagner ging in seiner theoretischen Auseinandersetzung mit der Tradition "Oper und Drama" (1851) sogar noch einen Schritt weiter, indem er die These aufstellte, Beethoven habe die Symphonik gleichzeitig zu ihrem Höhepunkt und Ende geführt. Schließlich sei er mit dem Finale der Neunten von der absoluten instrumentalen Musik zur sprachbezogenen Variante übergegangen, die nun die eigentliche Fortsetzung der Genialität darstelle (ein Schelm, wer Parteiisches dabei denkt!). Im Laufe des 20.Jahrhunderts haben sich solche Deutungen zum Glück relativiert, zumal Komponisten wie Mahler, Brahms oder Bruckner mit ihren Oeuvres demonstriert haben, dass es durchaus einen Weiterführung der Beethovenschen Ideen in neue Klanggefilde geben konnte. Was bleibt allerdings, ist die Deutung des Werkkorpus als Zusammenschau von neun sehr unterschiedlichen und sukzessiv sich entwickelnden musikalischen Individuen, deren Interpretation noch immer zu den Herausforderungen für Orchester und Dirigenten zählt.

Für den britischen Maestro Sir Colin Davis stand das Orchesterwerk Beethovens lange Zeit am Rande der musikalischen Vorlieben. Zunächst als Klarinettist am Royal College of Music in London ausgebildet, war es eine Aufführung von Berlioz' "L'Enfance du Christ", die ihn während der späten Vierziger den Entschluss fassen ließ, es selbst am Pult zu versuchen. Seinen Durchbruch schaffte Davis 1959 mit Mozarts "Don Giovanni", den er meisterhaft anstelle des erkrankten Viktor Klemperer dirigierte. Auch als Musikdirektor von Covent Garden (1971-86), Chefdirigent des Orchesters des Bayerischen Rundfunks (1983-92), der Londoner Symphoniker und den New York Philharmonic Orchestra ließ er keinen Zweifel daran, dass auf der einen Seite Mozart und Händel, auf der anderen Berlioz und zeitgenössische Komponisten wie Hans-Werner Henze oder David Matthews zu seinen Favoriten gehören. Trotzdem reizte es ihn natürlich, sich auch am Klassiker des Konzertsaals schlechthin zu bewähren. Als ihm daher angeboten wurde, mit der renommierten Staatskapelle Dresden den kompletten Zyklus für eine Aufnahme vorzubereiten, nahm er die Aufforderung an und machte sich ans Werk. So entstanden zwischen 1991 und 1993 in der Dresdener Lukaskirche seine Versionen der neun Symphonien, die er mit einer Mischung aus britischer Distanz und einer dezenten Prise Humor den zahlreichen Einspielungen großer Kollegen zur Seite stellte. Im Rahmen der Collector's Edition sind seine Dirigate nun in einer exklusiven und ausführliche kommentierten 6CD-Box erhältlich und dokumentieren mit akustischer Finesse auch am Beispiel von Beethoven Sir Colin Davis' Rang als einer der inspiriertesten Dirigenten seiner Generation.