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05.08.2005
John Eliot Gardiner

Biblisch-britische Opulenz

John Eliot Gardiner, Biblisch-britische Opulenz

Als Georg Friedrich Händel 1738 seinen "Saul" vollendete, war er auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Seit er 1712 nach London gekommen war, hatte er sich Schritt für Schritt einen Namen als Komponist italienischer Opern und englischer Kirchenmusik gemacht. Er arbeitete als Workaholic rund um die Uhr und hatte bereits mit alarmierenden Konditionsproblemen zu kämpfen. Denn der "Saul" sollte das erste seiner Oratorien werden, das er speziell für das Londoner Publikum geschrieben hatte. Es sollte besonders prachtvoll und farbig sein und gehört deshalb bis heute zu den umfangreichsten und am schwersten umzusetzenden Werken des Komponisten. Für Sir John Eliot Gardiner ist das allerdings kein Grund, davon die Finger zu lassen. Daher gehört auch der "Saul" neben "Salomon", Jephtah" und "Israel In Egypt" zu den Klangkunstwerken, die nun in einer Oratorienbox auf 9 CDs zusammengefügt wurden.

Offenbar bekam Händel seine Konditionsprobleme über die Sommermonate des Jahres 1738 hinweg in den Griff, jedenfalls arbeitete er zwischen 23.Juli und 27.September intensiv an seinem "Saul". Am 16. Januar 1739 wurde er dann in London uraufgeführt. Oratorien waren in England sehr beliebt. Sie fungierten als eine Art von Oper ohne szenische Darstellung und das Publikum war es durchaus gewohnt, mit dem Libretto im Publikum zu sitzen, um der Handlung angemessen folgen zu können. "Saul" allerdings, Händels viertes englisches Oratorium, erreichte trotz seines Erfolges bei der Premiere nicht ganz die Popularität, die sich der Komponist erhofft hatte. Das lag vor allem an der komplizierten Bühnensituation mit ungewohnten Instrumenten wie dem Tulbakain, einem eigenartigen Metallophon, das für die Peripetie verwendet wurde, wenn der missgünstige König seine Verfehlungen entdeckt und sich der Strafe Gottes bewusst wird. Denn Saul war eifersüchtig auf die Erfolge des jungen Davids, die den Monarchen in der Wertschätzung seines Volkes abzuqualifizieren schienen. Außerdem hatte er sich gegen Gott versündigt, als er dessen Befehle, den König der Amalekiter zu töten und dessen Vermögen zu opfern, missachtete. Keine Chance also für Saul, aus diesem tragischen Konflikt auszubrechen, und eine Herausforderung für Händel und dessen Librettisten Charles Jennens, daraus ein verständliches und stringentes Werk zu schaffen.

 

Tatsächlich fällt "Saul" bis heute aus dem Rahmen. Es ist Händels erstes Werk mit einem Bass als Titelpartie und zugleich das erste englische Oratorium überhaupt mit einem Mann in der Hauptrolle. Es ist länger als alle Werke dieser Art seinerzeit, bietet eine ungewöhnlich differenzierte charakterliche Ausarbeitung der Figuren. Und es stieß trotz einiger Probleme noch auf genug positive Resonanz, so dass der Komponist sich in diesem Genre weiter engagierte. Bereits im April 1739 ließ er "Israel In Egypt" folgen, das allerdings die Londoner mehr irritierte als begeisterte. Die Geschichten um Moses und den Exodus wurde überwiegend von Chören präsentiert, der gewohnte Sologesang trat in den Hintergrund. Da die Sänger der Uraufführung darüber hinaus mit dem Stoff und der Musik überfordert waren, fiel das Oratorium durch und wurde daraufhin vom Komponisten gekürzt und bearbeitet. In dieser Version allerdings gehörte es nach dem "Messias" zu den beliebtesten Chorwerken Händels im 19.Jahrhundert. Aus musikgeschichtlicher Perspektive wiederum erscheint das 1749 uraufgeführte Oratorium "Salomon" durch seine instrumentale Opulenz bei gleichzeitiger stringenter Handlungsführung noch bedeutender. "Jephtha" schließlich wurde Händels letztes Chorwerk dieser Art und entstand 1751 in einer kritischen Schaffensphase, als der alte Meister bereits vehement, aber erfolglos gegen seine Erblindung kämpfte.

 

Sir John Eliot Gardiner hat die vier großartigen Werke und zwei Krönungsthemen Händels zwischen 1985 und 1995 bei verschiedenen Gelegenheiten aufgenommen und hatte dafür so großartige Solisten wie die Sopranistin Barbara Hendricks an seiner Seite. Nun sind die Oratorien endlich in einer sorgfältig edierten und kommentierten Fassung im Rahmen der Collector's Edition erschienen. Eine Grundlagenbox.