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29.07.2005

Orgelphantasien

Orgelphantasien

Die Orgel von Notre-Dame de Paris ist eines der modernsten und renommiertesten Instrumente seiner Art und sie hat mit dem gewaltigen Kirchenraum auf der Ile de la Cité einen sehr speziellen Klangkörper zur Verfügung, den sie in charakteristische Weise beschallen kann. Ihr derzeitiger Meister Olivier Latry weiß das zu schätzen und widmet sich ihr daher ausführlich über seine liturgischen Verpflichtungen hinaus. Nach Aufnahmen mit Musik von Olivier Messiaen und einem Programm mit Orgelstücken durch die Jahrhunderte wendet er sich mit In Spiritum einem der Erneuerer der klassischen Orgelmusik zu: César Franck.

Die Orgel gehört zu den ältesten Instrumenten der Menschheit. Bereits im dritten vorchristlichen Jahrhundert sind orgelähnliche Gebilde belegt, die mit Winddruck Klänge erzeugten. Im Frühmittelalter ist vor allem im Orient die Kunst des Orgelbaus soweit fortgeschritten, dass der byzantinische Kaiser Konstantin V dem fränkischen Hausmeier Pippin III ein solches Wunderwerk als Präsent mitbringen konnte. Seit Karl dem Großen entwickelt es sich daraufhin zunehmend zum sakralen Instrument und zählt schließlich zum festen Bestandteil vieler Kirchenräume. Mit dieser lokalen und inhaltlichen Verortung im liturgischen Zusammenhang setzt auch eine umfangreiche Komponiertätigkeit ein, die mit technischen Neuerungen im 14./15. Jahrhundert und 17./18.Jahrhundert von Girolamo Frescobaldi bis Johann Sebastian Bach ein gewaltiges Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet. Mit dem Einsetzten der Aufklärung allerdings, geht das Interesse am Kircheninstrument und sakralen Äußerungszusammenhang zunächst zurück, bis sich etwa von den 1830er Jahren an eine junge Orgelbewegung bildet, die durch Komponisten wie Mendelssohn, Schumann, Liszt oder in Frankreich César Franck (1822-90) neue kreative Impulse vermittelt.

Der junge Franck galt als einer der besten Pianisten seiner Generation. Anno 1837 wurde am Pariser Konservatorium extra ein Sonderpreis ihm zu Ehren eingerichtet, um seine Fähigkeiten an den verschiedenen Tasteninstrumenten angemessen würdigen zu können. Doch der juvenile Virtuose hatte anderes im Sinn. Um 1846 traf er die Entscheidung, sich fortan überwiegend der Orgel zu widmen. Er bekam eine Stelle an Notre-Dame-de-Lorette angeboten, wechselte 1859 an die Kirche Sainte-Clothilde und wurde 1872 schließlich zum Professor für Orgelmusik am Pariser Konservatorium ernannt. Seinen größten Publikumserfolg feierte er 1878 anlässlich der Eröffnung des Festsaals des Trocadéro in Paris, wo er drei eigens dafür geschaffene Kompositionen einer euphorisierten Zuhörerschaft vorstellte. Eines davon, das "Pièce héroique en si mineur" hat Olivier Latry seiner Hommage an Franck In Spiritum vorangestellt. Es ist eine kleine, aber repräsentative Werkschau, die Stücke aus allen drei wichtigen Schaffensperioden des Komponisten vereint. So stammt das "Prélude, Fugue et Variation op.18 en si mineur" aus den frühen 1860er Jahren und wurde 1868 zum ersten Mal als Notentext herausgegeben. Die drei Choräle wiederum entstanden erst im August und September 1890, also kurz vor Francks Tom am 8. November des Jahres. So gelingt es Latry, vom romantischen, noch improvisatorisch geprägten bis hin zum symphonischen Stil des späten Komponisten zu leiten - ein Hörerlebnis, das durch die Mehrkanalaufnahme der SACD (wahlweise auch im herkömmlichen Stereo-Format) eine faszinierende, berauschende Dimension bekommt, als würde man mitten im Kirchenraum von Notre-Dame sitzen und Latry/Francks Phantasien folgen.