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29.07.2005

Späte Schönheit

Michail Vasil’evič Pletnëv, Späte Schönheit

Der Komponist selbst pflegte das Understatement: "Diese Stücke sind frühreif und unbedeutend", schrieb Peter Ilyich Tschaikowsky an seinen Neffen Bobik und fügte hinzu, "ich schaffe sie ums Geld". Ganz so pessimistisch wollte er es aber doch nicht stehen lassen, denn ein paar Tage später relativierte er humoristisch sein scharfes Urteil: "Ich fahre fort, musikalische Pfannkuchen zu backen. Merkwürdig: Je weiter, je mehr Lust habe ich und je leichter wird mir die Arbeit". Das Resultat dieser Schaffensphase sind die 18 Morceaux op. 72, denen sich Mikhail Pletnev im Juni 2004 in der Züricher Tonhalle annahm und die nun auf CD erschienen sind.

Die 18 Morceaux op.72 gehören zu den spätesten Werken Tschaikowskys. Sie entstanden im Todesjahr 1893 des Komponisten und sind die letzten Stücke, die er für Klavier Solo niederschrieb. Was jedoch nicht bedeutet, dass sie deutlich von Melancholie oder dunkler Ahnung geprägt sind. Im Gegenteil: Hier spielt er noch einmal aus, was er kann, von der motivischen Aufnahme seiner großen Vorbilder Liszt, Chopin und Schumann bis zu deren souveräner Einarbeitung einen eigenständiges, melodiöses, stellenweise auf höherem Niveau musikantisches Klangkonzept. Ein Grund mehr für den russischen Klaviervirtuosen Mikhail Pletnev, die Stücke konzertant zu präsentieren: "Der ganze Tschaikowsky ist da drin, nicht nur Folklore und Ballett, wie oft behauptet wird, spiegeln sich - es ist viel mehr. Ich möchte es ein Tagebuch nennen, ein klingendes Tagebuch. Voller Ideen und Assoziationen, dann wieder Gedanken an Freunde oder einfach Melodien, die einem beim Spazieren gehen einfallen". Tatsächlich kann sich dieser Zyklus mühelos mit anderen Zusammenstellungen ähnlicher Art messen. Den von der Musikwissenschaft gelegentlich erhobenen Vorwurf der Nähe zum Beschaulichen der Salonkultur will Pletnev dabei nicht gelten lassen: "Jede Klaviermusik, die nicht für den großen Konzertsaal bestimmt ist, gehört zum Salon. Ich sehe darum nichts Abschätziges. Schubert und Chopin haben ausschließlich für den Salon komponiert".

Überhaupt liegt in dieser pejorativen Einschätzung mancher Zeitgenossen erst die eigentliche Herausforderung für den Interpreten. Denn auf der einen Seite sind die "18 Morceaux" Miniaturen, die sich in kompakter Form mit musikalischen Einfällen beschäftigen, kaum eine mehr als 5 Minuten lang. Auf der anderen Seite haftete ihnen aber lange das Diktum des Pianisten Nikolai Rubinstein an, der sie kurzerhand für unspielbar erklärte. Sicher waren einige Passagen wie etwa die "Polacca de Concert" nach der Vorstellungen de ausgehenden 19.Jahrhunderts ungewöhnlich schwer. Mit heutigen Maßstäben gemessen gehören sie allerdings nicht mehr zu den wirklichen Fingerbrechern, sondern erfordern vielmehr einen über die spieltechnische Bewältigung hinaus greifenden Bogen, der die Interpretation in ihrer Gesamtheit bestimmt. Und darin ist Pletnev ein Meister.

Sein Recital, das im Juni 2004 in der Züricher Tonhalle aufgenommen wurde, ist ein Meisterwerk der musikalischen Balance. Pathos wirkt klar, aber nicht übertrieben (ein wesentliches Kriterium für eine ausgezeichnete Tschaikowsky-Deutung), intimere Passagen werden persönlich, aber nicht sentimental dargestellt. Aus dem lange Zeit missachteten Zyklus wird auf diese Weise ein Konzentrat romantischer Klavierkunst, frei nach Pletnevs künstlerischem Credo: "Meine Freiheit der Interpretation ist grenzenlos. Ich will nicht spielen, was in den Noten steht. Ich will spielen, was hinter den Noten steht."