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22.07.2005

Samtene Stärke

Samtene Stärke

Über die erste Etüde der "12 Études, op.10" von Frédéric Chopin meinte einst der Dichter und Kritiker Ludwig Rellstab: "Alle Besitzer von verrenkten Fingern können sie wieder in die richtige Stellung bringen, indem sie diese Etüden üben; aber alle Menschen mit geraden Fingern sollten sich hüten, sie zu spielen. Wenigstens, wenn kein Chirurg zur Hand ist". Tatsächlich gehören diese Jugendwerke des polnischen Komponisten zu den vertracktesten Klavierstücken des romantischen Repertoires, nicht nur wegen ihres spieltechnischen Anspruchs, sondern auch wegen der interpretatorischen Reife, die man haben muss, um ihnen ihre eigentliche Kraft zu entlocken. Den Unterschied zu konventionellen Deutungen hört man eigentlich erst, wenn sich ein Meister wie Nelson Freire der Etüden annimmt.

Im Laufe seiner ungewöhnlichen Karriere hat der brasilianische Pianist Nelson Freire umfangreiche Erfahrungen mit dem Chopin-Repertoire angesammelt. Am 18.Oktober 1944 in Minas Gerais geboren, machte er bereits als Dreijähriger von sich reden. Er konzertiert als Kind regelmäßig, nach dem Zehnjährigen wird sogar eine Straße benannt. Am einheimischen Konservatorium von Nise Obino und Lucia Branco weiter ausgebildet, gelingt Freire 1957 der Sprung in die brasilianische Hauptstadt, als er die erste Ausgabe des Wettbewerbs von Rio de Janeiro gewinnt. Ein Stipendium bringt den Jungen zu Bruno Seidlhofer nach Wien. Als Fünfzehnjähriger beginnt er, regelmäßig und häufig zu touren, spielt über die sechziger Jahre hinweg nahezu überall in der Welt und gewinnt nebenbei zahlreiche Auszeichnungen wie 1964 die Dinu-Lipatti-Medaille in London. Seine Aufnahme der "24 Préludes" von Chopin räumt anno 1972 weitere Preise an, der Künstler jedoch beginnt, sich langsam zu verschleißen. Freire reduziert daher deutlich seine Konzerttätigkeit, arbeitet häufiger im kammermusikalischen Bereich unter anderem mit dem Cellisten Misha Maisky und der Pianistin Martha Argerich (an zwei Klavieren). Im September 2001 und Januar 2002 nimmt er sein erstes Chopin-Recital für die Decca auf, ein Programm mit den "Etüden op. 25", der "Trois nouvelles Études" und der "h-moll Sonate Nr.3", das zugleich den Einstand bei dem renommierten Klassik-Label darstellte.

Mit den "Etüden op. 12", der "Barcarolle, op. 60" und der "Sonate Nr.2, b-moll" setzt er nun diese Reihe mit Aufnahmen des polnischen Komponisten fort. Und wieder fällt auf, dass Freire ein besonderes Verhältnis zu der Klangwelt Chopins hat. Das beginnt bei den erstaunlichen Schattierungen, mit denen er einzelne Klangfarben entwickelt, und zeugt von einer Sensibilität im Umgang mit den Binnennuancierungen der Stücke, die erst nach langem Selbststudium mit einer derartigen Überzeugung präsentiert werden kann. Vielleicht ist es die besondere Nähe zu rhythmischen Details, zum tanzhaften Fluss der Kompositionen und der starken, aber dennoch reflektierten Emotionalität, die der im Falle der Etüden gerade mal 19jährige Komponist in seine Stücke integriert hat, vielleicht aber auch eine Form von Geistesverwandtschaft, die Freires Chopin so selbstverständlich klingen lässt. Wohlmöglich ist es aber auch seine ausgereifte Anschlagkultur, die den über die Norm der vorangegangenen Übungswerke von Czerny bis Clementi hinausgreifenden konzertanten Etüden ihren weichen, samtenen Charakter gibt. Wie auch immer, diese sowohl im Surround-Format der SACD wie auch im geläufigen Stereo-Modus zu genießende Aufnahme ist etwas Besonderes, ein Glücksfall der sympathetischen Nachempfindung von Musik.