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01.07.2005

Der Einzelgänger

Sergei Taneyev (1856-1915) war ein Sonderling. Manchmal zum Beispiel, wenn sein ehemaliger Lehrer Tchaikovsky ihn besuchen kam und unbedingt rauchen wollte, musste dieser sich ins Nebenzimmer an den Kamin stellen. Taneyev duldete keine Exaltiertheiten und war doch selbst einer von den Einzelgängern, der eigenwillig und ideenreich im Hintergrund der russischen Musikmoderne wirkte. Der Pianist Mikhail Pletnev hat sich daher daran gewagt, zwei Kammermusikwerke des in Vergessenheit geratenen Komponisten wieder zur Disposition zu stellen.

Taneyev hatte seltsame Einfälle. Er schrieb wohl als erster Komponist überhaupt Werke zu Texten in Esperanto. Seine einzige Oper kreiste nicht etwa um die zu seiner Zeit beliebten national-historischen Themen, sondern griff auf die Orestie zurück, ein Stoff, der erst ein halbes Jahrhundert nach ihm wieder von den Existentialisten als Tableau für moderne Ideenwelten entdeckt wurde. Kurz, er machte einiges anders und blieb zugleich eine der wichtigsten musikalischen Gestalten des russischen Fin-de-Siècles. Geboren 1856 in Djudkowo, wurde er bereits als Zehnjähriger zum Moskauer Konservatorium zugelassen. Dort gehörte er zu den begabtesten Schülern Tchaikovskys und übernahm prompt dessen Lehrauftrag, als dieser sich 1878 von der Lehre zurückzog. Von 1885-89 war er dann Direktor des Instituts und hatte unter seinen Schüler so aufstrebende Talente wie Scriabin und Rachmaninov. Die Verbindung mit Tchaikovsky blieb ein Leben lang bestehen. Taneyev spielte die meisten Premieren von dessen Klavier-Orchesterwerken und war einer der wenigen, von dem der berühmte Meister Kritik akzeptierte. Er war eine Institution im Hintergrund, ein Zweifler und Eigenbrödler, der auch mit den eigenen Stücken hart ins Gericht ging. Es dauerte daher lange, bis er sie als fertiggestellt betrachtete und so brachte er kammermusikalisch es gerade mal auf ein gutes Dutzend Kompositionen.

 

Trotzdem war seine Bedeutung für die Musik seiner Heimat immens, ein russischer Brahms wurde er einmal genannt. Die beiden Kompositionen, die sein Landsmann Mikhail Pletnev für sein Taneyev-Special ausgewählt hatte, erinnern daher auch ein wenig an sein berühmtes Pendant, insbesondere das "Trio für Violine, Violincello und Klavier in D-Dur, op.22", das mit seiner leidenschaftlichen Emphase an die Wiener Musik seiner Zeit anknüpft, ohne sie zu kopieren. Das Quintett ist schwerer, trübsinniger, stellenweise melancholisch und weist einen ausgefallenen Farbenreichtum auf, der vor allem im furiosen Finale das ganze Spektrum von Taneyevs Gestaltungskunst präsentiert. Pletnev wählte für die Ausführung der Kompositionen zwei der versiertesten Geiger der jungen russischen Generation, Ilya Gringolts und Vadim Repin, außerdem Nobuko Imai an der Viola dun Lynn Harrell am Cello. So entstand ein Zeitbild eines vergessenen Meisters der späten Romantik, der ebenso skurril starb wie er eigenwillig lebte. Denn, Ironie des Schicksals, Taneyev holte sich, während er 1915 auf die Beerdigung seines vielleicht begabtesten Schülers Scriabin wartete, eine Lungenentzündung, die er selbst nicht überlebte.