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24.06.2005

Die Nachtigall

Die Nachtigall

Jeder wichtige Künstler hat seine Spezialität. Von Mado Robin sagt man, dass sie die höchsten und klarsten Töne der Operngeschichte überhaupt singen konnte. Mühelos bewältigte sie die hohen F's der "Königin der Nacht" und sogar noch ein D darüber. Sie wäre wahrscheinlich zu einem der größten Opernstars Frankreichs aufgestiegen, wäre sie nicht kurz vor ihrem 42.Geburtstag an Krebs gestorben. So bleiben Erinnerungen an Robin in Form ihrer Lieblingsrolle, der Lakmé von Leo Delibes, die sie 1952 in Paris aufgenommen hat und die nun im Rahmen der Original Masters wieder erhältlich sind.

Léo Delibes (1836-91) gehörte zum Kreis französischer Romantiker und wirkte als Organist, Chordirigent und Professor für Komposition am Konservatorium auf das Pariser Kulturleben ein. Seine Vorliebe galt dem Ballett und der komischen Oper, wovon zwei von den Zeitgenossen besonders geschätzt wurden: "Le Roi l'a dit" (1873) und "Lakmé" (1883). Letzte fiel vor allem durch ihr exotistisches Kolorit auf. Die Handlung spielt im britisch kolonisierten Indien und dreht sich um Lakmé, die Tochter des Brahmanenpriesters Nilakantha, die sich in den englischen Offizier Gerald verliebt. Dem Glück der beiden stehen gleichermaßen der fanatische Vater, der die Besatzer hasst und Gerald zu ermorden versucht, und die britische Armee im Weg, die ihren Soldaten zur Pflicht ruft. In ihrer Verzweiflung, zwischen diesen beiden Interessengruppen nicht vermitteln zu können, bringt sich Lakmé schließlich um, womit aber letztendlich auch niemandem geholfen ist. Fest steht jedenfalls, dass Delibes Oper aufgrund ihres fernöstlichen Kolorits und der durchaus eigenwilligen Musiksprache - vor allem die Rolle der Lakmé ist mit stellenweise komplexen Koloraturen bedacht - sich in Frankreich anhaltender Beliebtheit erfreute. So entstand 1952 auch eine Aufnahme mit den Höhepunkten der damaligen Inszenierung an der Pariser Opéra Comique mit Mado Robin in der Titelrolle, Jean Borthaye als Brahmanenpriester und Libero de Luca als Gerald.

Robin hatte die Lakmé gerne gesungen, sie meinte sogar in einem Interview: "Wenn ich Lakmé singe, dann bin ich Lakmé mit ganzem Herzen, und wenn sie stirbt, habe ich wirklich das Gefühl, mit ihr zu sterben". Sie identifizierte sich mit ihren Rollen und da sie sich auf ein vergleichsweise kleines Repertoire beschränkte - vor allem die Partien aus der "Zauberflöte", "Il Barbiere di Siviglia", "Lucia di Lammermoor", "Hamlet", "Les Pêcheurs de Perles", "Le Rossignol" und eben "Lakmé" - tat sie sich durch eine besondere Souveränität der Darstellung hervor. Am 29. Dezember 1918 in Yzeures-sur-Creuse in der Nähe von Tours geboren, hatte sie zunächst eine vergleichsweise glückliche Kindheit verbracht und gelegentlich ein wenig gesungen. Erst als sie 1936 den Gesangslehrer Mario Podestà traf und dieser ihre ungewöhnliches Talent erkannte, änderte sich die Situation. Robin wurde gezielt zum Koloratursopran ausgebildet, gewann erste Wettbewerbe und wäre wahrscheinlich sofort an die Spitze der Opernwelt geschnellt, wenn nicht der Zweite Weltkrieg andere Dinge in den Mittelpunkt gestellt hätte. Jedenfalls debütierte sie erst am 7.Dezember 1944 als Gilda an der Pariser Opéra Comique und gehörte von da an zum wichtigen Künstlerstamm des französischen Kulturlebens. Und so sind die Aufnahmen der Lakmé aus dem Jahr 1952 und der beiden Bonustracks von Bellini & Proch von 1955 Dokumente einer großartigen Sängerin, die viel zu kurz, aber dafür umso eindrucksvoller ihr Gastspiel auf dieser Welt hielt.