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24.06.2005

Ost und West

Irgendwann in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde ein Schalter umgelegt. Von dem Moment an genügte es Musikern und Komponisten nicht mehr, mit ihrem Instrument als solchem auszukommen. Aus dem Kampf mit der Einbildungskraft wurde eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Darstellung überhaupt. Die beiden Piano-Solo Aufnahmen mit Herbert Hencks Versionen der frühen Musik von John Cage und dem russischen Recital von Alexei Lubimov stehen beide an der Grenze von der Moderne zur zeitgenössischen Avantgarde. Doch beide haben sie noch nicht überschritten.

Es war eine Musik des Übergangs. John Cage (1912-92) hatte bei Henry Cowell und Arnold Schönberg studiert. Er war in die Grundlagen der Zwölftonmusik eingeführt worden, hatte selbst mit den Möglichkeiten seriellen Komponierens experimentiert, sich aber nicht damit zufrieden gegeben. Er wollte mehr als den gewohnten Klang, fing daher an, das Klavier zu präparieren, um den Sound zu verändern. Er setzte der kompositorischen Konstruktion das Prinzip des Zufalls gegenüber. Mehr noch: Er erweiterte das Verständnis von Musik radikal, indem er ungeordnete Klänge wie Geräusche oder Nicht-Klänge wie die Stille als künstlerische Ausdrucksformen verstand. Insofern veränderte Cage das Verständnis von Klanggestaltung radikal und wurde zu einem der Mentoren der zeitgenössischen Moderne. Und schon deswegen ist es besonders reizvoll, sich mit den Ausgangspunkten seiner Überlegungen zu beschäftigen. Vor zwei Jahren bereits widmete der Pianist Herbert Henck den "Sonatas And Interludes for Prepared Piano (1946-48)" ein eigenes Album. Nun geht er noch einen Schritt weiter zurück und nimmt sich der "Early Piano Music" von John Cage an. Es sind musikalische Miniaturen, die zwischen 1935 und 1948 entstanden, also während der Übergangsphase von Cage's Studentenzeit bei Schönberg bis hin zu den ersten zentralen Kompositionen der neuen avantgardistischen Ära. Stücke wie "Quest" reichen bis in die Anfänge zurück, andere sind wie "Ophelia" oder "The Seasons" zeitgleich mit den Sonaten für präpariertes Klavier entstanden. Es sind Grundlagenwerke von zarter Schönheit, die nicht nur einen klaren Zugang zu Cages musikalischem Denken ermöglichen, sondern Henck als reflektierten und empatischen Interpreten auf der Suche nach den Urgründen der musikalischen Gegenwart präsentieren.

Während in Amerika das Denken nach Offenheit strebte, wurde auf der anderen Seite der Welt die Musik Schritt um Schritt in den Dienst der staatlichen Propaganda gestellt. Manch einer musste es wie Alexander Scriabin nicht mehr erleben, zum Teil der russischen Nationalkultur der Sowjetunion gezählt zu werden. Andere ergriffen wie Igor Stravinsky die Flucht und versuchten ihr Glück im Ausland. Die jedoch blieben, mussten sich arrangieren wie etwa Sergei Prokofiev und vor allem Dimitri Shostakovich, der von der Staatsführung bald zum Vorzeige-Komponisten des Kommunismus stilisiert wurde. Für Alexei Lubimov ist es daher außerordentlich spannend, diese vier unterschiedlichen Konzeptionen von Umgang mit dem russischen Kulturerbe in einem Recital zusammen zu fassen. Da steht der genialische Scriabin ("Sonata No.9, op,68") neben den analytischen, insgeheim postromantischen Stravinsky ("Serenade in A"), der Heimkehrer Prokofiev ("Sonata No. 7 op. 83") neben dem Strategen Shostakovich ("Sonata No.2, op.61"). Und je mehr Lubimov sich auf die jeweiligen musikalischen Weltentwürfe der Komponisten einlässt, desto deutlicher wird es, dass es letztlich allen um eine noch dem europäischen Ideal entstammende harmonisierende Vorstellung von Kunst geht, ganz gleich, welche Ideologie dahinter stand. Insofern ist dem Moskauer Lubimov nach dem hochgelobten Album "Der Bote" (2000) ein weiteres Meisterstück gelungen, das ihn als findigen Archäologen der eigenen kulturellen Wurzeln vorstellt.