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17.06.2005

Der genarrte Mohr

Der genarrte Mohr

Wäre Othello nicht gar so impulsiv und Desdemona weniger naiv gewesen, hätten sie mühelos die eitle und oberflächlich eingefädelte Intrige von Jago durchschaut. Aber dann hätte William Shakespeare keinen Grund gehabt, daraus ein Melodram zu formen. Arrigo Boito hätte keine Vorlage für sein Libretto gehabt, Giuseppe Verdi eine andere Oper geschrieben und Jon Vickers wäre um die Rolle seines Lebens gebracht worden, die er seit den sechziger Jahren als führender Mohrenprinz an der Met, in Salzburg und überhaupt verkörperte. Und die nun auf DVD wieder erhältlich Filmversion des Bühnenereignisses wäre nicht entstanden. Doch Othello ist, wie er ist...

Die Geschichte ist so simpel wie allzumenschlich. Da steht auf der einen Seite Othello, der Mohrenprinz und erfolgreiche Feldherr, der als Edel-Söldner in Venedigs Diensten dafür gesorgt hat, dass die militärische Macht der norditalienischen Handelsstadt die Adria bis Zypern dominierte. Dementsprechend groß wurde sein Einfluss, er bekam sogar die geliebte Senatorentochter Desdemona zur Frau. Mit ihr ging er als Gouverneur nach Zypern und vertrat dort die militärischen Interessen der Stadt, so erfolgreich, dass er aus Angst um die Macht der Senatoren abberufen werden sollte. Doch nicht die Entscheidungen der großen Politik brachen ihm das Genick, sondern die Einflüsterungen eines beleidigten Fähnrichs, den er bei der fälligen Beförderung übergangen hatte. Dieser Jago eben inszeniert eine Intrige, die plump, aber wirkungsvoll an die Eifersucht Othellos anknüpft und es schafft, ihn gegen seine ahnungslose Frau aufzuhetzen. Das Drama geht soweit, dass der vermeintlich Gehörnte seine unschuldige Gattin ermordet und schließlich im Angesicht seines Unrechts sich selbst das Leben nimmt. Ein Stoff, der reichlich Leidenschaft in sich birgt und der vom 73jährigen Giuseppe Verdi auf der Basis von Shakespeares Vorlage 1887 wirkungsvoll auf die Mailänder Bühne gebracht wurde, nach 16 Jahren Pause, die seit der umjubelten "Aida" vergangen waren.

Das besondere an Othello war jedoch nicht der eigentliche Plot, sondern der Umgang des Komponisten mit dem Stück. Im Unterschied zu den früheren, auf einzelne Bravournummern angelegten Bühnenwerken, gestaltete er diesmal die Musik durch und gab der Handlung auf diese Weise eine geschlossene Form. Das wiederum gab den Akteuren die Möglichkeit, über die musikalische Präsenz hinaus Charaktere zu entwickeln, die den Figuren Tiefe und individuelles Profil verleihen. Insofern war es nahe liegend, dass ein Sänger eine Gestalt wie die Titelrolle über Jahrzehnte hinweg ausgestaltete und differenzierte. Als der Salzburger Othello 1974 in den Studios der Münchner Bavaria und in Salzburg selbst für die Opernwelt von den Kameras festgehalten wurde, galt Jon Vickers als der führende Othello seiner Generation. Er hatte ihn bereits Anfang der Sechziger auf Platte aufgenommen, ihn dann 1970 zum ersten Mal in Salzburg präsentiert und vor allem in zahlreichen Aufführungen an der Met dargestellt. An seiner Seite hatte er eine der herausragenden Sopranistinnen dieser Jahre, Mirella Freni, und den liederlichen Jago verkörperte ein ebenso überzeugender Peter Glossop. Gefilmt wurde im Studio, vor teilrealistischen Theaterkulissen, die Musik hatte Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern und dem Chor der Deutschen Oper bereits zwei Jahre zuvor in der Berliner Philharmonie aufgenommen. So entstand eine quasi-naturalistische Filmadaption im Fernsehspiel-Stil der Siebziger, die nun in PCM Stereo und im DTS 5.1 Surround-Sound an einen großen Othello auf der Höhe seiner Kunst und an dessen ebenso großartiges Team erinnert.