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01.10.2013
Richard Wagner

Der Jahrhundert-Ring aus Bayreuth von Piere Boulez und Patrice Chéreau

Aus heutiger Sicht ist es selbstverständlich, sich nicht nur mit der Musik, sondern auch mit dem Text des "Rings des Nibelungen" zu beschäftigen. Als jedoch Patrice Chéreau das epochale Werk 1976 zum hundertjährigen Jubiläum der Uraufführung in Bayreuth neu inszenierte, war es ein Affront gegen die gewachsenen Traditionen, die Figuren in einen theatralischen, handlungsreichen Kontext zu stellen, der noch dazu durch Bühnenbild und Kostüme sich dem zeithistorischen Hintergrund Richard Wagners näherte. Da außerdem Pierre Boulez detailversessen an der Transparenz des Orchesterklangs arbeitete und den Pomp früherer Aufführungen nicht übernehmen wollte, gingen die Emotionen hoch.

Es folgten einige Modifizierungen auf der einen Seite, aber auch ein fortschreitendes Verständnis beim Publikum und so konnte der Fernsehregisseur Brian Large 1979/80 ein ehrgeiziges Projekt in Angriff nehmen: Er filmte den kompletten "Ring" für das deutsche Fernsehen und schuf damit ein künstlerisches Dokument außerordentlichen Ranges, das nun in einer vollständigen Edition auf DVD erhältlich ist.

Die Widerstände waren groß und reichten bis in die Reihen der Musiker. Denn Pierre Boulez interessierte sich nicht für die Darstellungstraditionen der Vergangenheit. Für ihn waren das nur eine Ansammlung schlechter Gewohnheiten, die nicht zuletzt aus gedanklicher Trägheit kritiklos übernommen wurden. Er jedoch hatte anderes im Sinn. Er wollte das Gleichgewicht zwischen den einzelnen dramaturgischen Momenten, das sich zugunsten der Musik und der Tradition verschoben hatte, wieder herstellen, um damit Wagners Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes deutlich zu machen. Dazu gehörte zunächst eine akribische Feindifferenzierung der Partitur, die den Klang stellenweise auf kammermusikalische Zartheit reduzierte. Das aber wiederum störte die Musiker des Bayreuther Orchesters, die zunächst mit einer Initiative an den Festspielleiter Wolfgang Wagner herantraten, der es ihnen erlauben sollte, laut zu spielen. Mit der Zeit jedoch zeigten sich auch die Skeptiker versöhnlich und wurden Schritt für Schritt von Boulez ernsthafter und minutiöser Arbeit mitgerissen.

Zum neuen Konzept gehörte darüber hinaus ein Regisseur, der ohne ideologischen Ballast an die Inszenierung herangehen konnte. Boulez hatte mehrere Inszenierungen von Patrice Chéreau gesehen und ihn daraufhin Wolfgang Wagner empfohlen, der dem Experiment zustimmte. Es war ein Wagnis, denn der junge Franzose kam vom Theater, hatte kaum Wagnersche Vorbildung und ging daher völlig anders an das Projekt heran als seine Vorgänger. Er begann mit dem Text, verstand ihn als grundlegende Darstellung menschlicher emotionaler Situationen und Konflikte und übte mit den Sängern, als seien sie Schauspieler. So entstand eine Dramaturgie, die weit mehr auf Bewegung, Gestik, Körperlichkeit setzte als die seit Cosima Wagner in verschiedenen Abwandlungen und Modifikationen - etwa durch Wieland Wagners Ästhetisierungen und Schematisierungen - statischen und würdevollen Rollenkonzeptionen.

Chéreaus Götter hatten Leben in sich, waren handelnde, agile Gestalten und sie wurden von Richard Peduzzi in ein Bühnenbild gesteckt, das mit realistischen Anklängen die Szenerie in die Zeit der fortschreitenden Industrialisierung während der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts versetzte, also in eben jene Epoche, in der Wagner die vier Teile des "Rings" komponiert hatte und die nach Meinung des Regisseurs maßgeblich die Entwicklung der Komposition beeinflusst hatte. Es war in gewisser Weise eine Rückkehr zur Opulenz der Bilder, die nach den kargen, vor allem vom Lichtdesign bestimmten Inszenierungen Wielands und Wolfgang Wagners die Bühne als Aktionsraum neu definierten. Aber es waren eben andere Räume, keine naturalistischen, sondern versteckt semiotische Verweise auf das Innenleben der Gestalten, das in permanenter Wechselwirkung mit der Umwelt stand. So wurde der "Ring" zum einen in seiner Bild-, Ton- und Theatersprache grundlegend modifiziert - was die Ablehnung vor allem der Traditionalisten in Bayreuth zwangsläufig nach sich zog. Zugleich aber bekam er ungeahnte Kraft zurück, die aus dem Zusammenwirken von Boulez' Klarheit, Chéreaus Regietheater, Richard Peduzzis und Jacques Schmidts humorvoll provokanter Ausstattung und der Präsenz der Darsteller resultierte.

Und die in Brian Large einen Mann fand, der dem Regisseur und dem Dirigenten auf akribische Weise folgte, um den "Ring" für das Deutsche Fernsehen zu filmen. Mit seinem Team assistierte er den Proben, verfolgte Takt um Takt die Partitur, anhand der er dann ein Drehbuch erarbeitete. Sein Ziel war, das Bühnengeschehen aus der Sicht von Chéreau festzuhalten und so gelang es ihm, 1979 mit der Aufzeichnung der Götterdämmerung und 1980 mit Die Walküre, Siegfried und Das Rheingold das komplette Werk in bestmöglicher Form zu archivieren. Large und seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass der komplette Jahrhundertring Anfang der Achtziger als eine der umfangreichsten Opernprojekte der TV-Geschichte im Fernsehen gezeigt werden konnte und nun auf acht DVDs für Nachwelt und Sammler wieder verfügbar gemacht werden konnte. Für die Bayreuth-Spezialisten ist es ein Wiedersehen mit großartigen Sängern und Sängerinnen wie Gwyneth Jones (Brünnhilde), Manfred Jung (Siegfried), Donald McIntyre (Wotan/Der Wanderer), Hermann Becht (Algerich), Franz Mazura (Gunther), Matti Salminen (Hunding), Jeannine Altmeyer (Gutrune/Sieglinde) und vielen Koryphäen mehr. Und für die Nachgeborenen ist es die Gelegenheit. ein herausragendes Kulturereignis des vergangenen Jahrhunderts in bestmöglicher Form nachzuempfinden und anhand der der 52minütigen Dokumentation "The Making of" dessen Entstehung mitverfolgen zu können. Eine wegweisende, einmalige Edition.

Den Jahrhundertring von 1976 können Sie in diesem Sommer im Kino erleben. An vier Wochenenden im August 2005 zeigen ausgesuchte Programmkinos in vielen Städten in Deutschland die vier wegweisenden Aufführungen zum Ring des Nibelungen.