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17.06.2005

Die magische Drei

Concerto Köln, Die magische Drei

Mehrfach standen die Türken vor Wien, selten militärisch, häufig aber im übertragenen Sinne eines anhaltenden kulturellen Transfers. Schließlich brachten Händler und Reisende nicht nur Kaffee und Gewürze aus dem Reich der Osmanen nach Mitteleuropa, sondern nahmen auch manche Modeerscheinung mit ins Abendland - und auch zurück in den Orient. So war etwa der Walzertakt einer der Wiener Exportschlager im frühen 19. Jahrhundert. Türkische Musiker übernahmen ihn in ihre Klangwelt und integrierten die Vorstellung der Dreiheit in höfische Kompositionen. Das Ensemble Saraband und das Concerto Köln sind mit "The Waltz - Ecstasy And Mysticism" dieser Kultursymbiose nachgegangen und haben daraus ein ebenso ungewöhnliches wie überraschendes Album gemacht.

Natürlich gibt es Unterschiede. Das Concerto Köln ist ein klassisches Kammerorchester unter der Leitung von Werner Ehrhardt, das möglichst authentisch versucht, den westlichen Klangtraditionen gerecht zu werden. Saraband hingegen ist ein siebenköpfiges Ensemble um den Rahmentrommler Vladimir Ivanoff, das mit vielfältiger Besetzungen von der Ney bis zur Kanun versucht, die weit gefächerten musikalischen Anforderungen der klassischen orientalischen Musik umzusetzen. Der wissenschaftliche Hintergrund mit dem die beiden Formationen sich an die Überlieferungen des späten 18. und frühen 19.Jahrhunderts heranwagen, geht dabei nicht von der üblichen Vorstellung der Unterschiede aus. Im Gegenteil, The Waltz sucht nach Gemeinsamkeiten zweier auf den ersten Blick divergent wirkenden Klangtraditionen und findet sie in übergreifenden Mustern, die den ersten Höreindruck zugunsten eines systematischen Programms modifizieren. Wer mit der Musik des Orients nicht vertraut ist, wird daher zunächst einmal Sachen hören, die ihm fremd erscheinen, etwa die über die Wohltemperiertheit hinaus gehende Harmonik, die ornamentierende, mit kleinen Intervallen arbeitende Linienführung der Melodien, der scheinbar improvisierte Charakter der Kompositionen. Doch das sind Vordergründe, die sich bei genauerem Studium zwar nicht auflösen, aber relativieren.

Denn Ivanoff, der das Programm von The Waltz zusammenstellte, legte Wert darauf, Zusammenhänge unmittelbar hörbar zu machen, etwa durch die Abfolge von Werken Dede Efendis und Wolfgang Amadeus Mozarts: "So finden sich unter den Kompositionen von Hamamîzâde Dede Efendi, der am Hofe von Sultan Selim III. (1761-1808) wirkte, auch eine Anzahl von Walzersätzen. Dede Efendi gilt noch heute als einer der bedeutendsten Meister der osmanisch-türkischen Kunstmusik". Seine Kompositionen wie auch die von Abdi Efendi, Demetrius Cantemir und Zeki Mahmad Aga werden Werken von Mozart, Joseph Lanner, Ludwig van Beethoven und Johann Strauss gegenüber gestellt in einer alternierenden Abfolge der Ensembles. Es werden Stimmungen generiert, die sich über die Dreiheit der metrischen Gliederung vermitteln und die die unterschiedlichen Abstraktionsgrade der jeweiligen Kulturen dokumentieren. Während die Wiener Walzerklassik bereits streng durchgeformt und klar auf die Unterhaltungsbedürfnisse der Bourgeoisie zugeschnitten scheint, wirken die türkischen Stücke, vor allem die aus der Tradition der Derwische entlehnten Beispiele, offen für das über den Augenblick hinaus reichende mystische Erlebnis. Dieser Kontrast ist ebenso spannend wie aufschlussreich, wirft er doch ein Licht auf kulturelle Verortungen, die Ausgrenzung und Integration gegenüberstellen. So ist The Waltz nicht nur eine ungewöhnliche Hörreise abseits des Klangtourismus, sondern ein Beispiel für Chancen und Grenzen mitteleuropäischer Befindlichkeiten.