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10.06.2005

Der tragische Prinz

Der tragische Prinz

Rudolf Nurejew konnte sich bewegen wie kein anderer. Er war der Star des Nachkriegsballetts, aus Russland geflüchtet, im Rest der Welt nie wirklich beheimatet, außer vielleicht in Wien, der Stadt seiner größten frühen Erfolge als Tänzer und Choreograph. Zu den umjubelten Arbeiten des jungen Nurejews gehörte vor allem die Neuinszenierung des "russischsten" aller Ballette: "Schwanensee" von Peter Iljitsch Tschaikowsky. 89 Schlussvorhänge brauchte die Premiere an der Wiener Staatsoper, bis im Herbst 1964 die Tänzer von der Bühne gelassen wurden. Worin die Faszination dieser Darstellung bestand, zeigt die Filmversion der Inszenierung, die zwei Jahre später mit Hilfe der Fernsehspezialisten der Unitel entstand.

Die Uraufführung war ein Misserfolg. Das lag weniger an Peter Iljitsch Tschaikowsky, denn der hatte seine Hausaufgaben gemacht und eine Ballett-Musik vorgelegt, die stellenweise das Niveaus seiner großen symphonischen Werke erreichte. Es lag auch nicht am Stoff des Märchens "Schwanensee", denn ein paar Jahre später entwickelte sich die unglückliche Liebesgeschichte um den Prinzen Siegfried und die verzauberte Prinzessin Odette zu einem der Favoriten auf internationalen Bühnen. Er war einzig und allein die nachlässige Inszenierung am Moskauer Bolschoi-Theater, die die Premiere am 4. März 1877 misslingen ließ. So mussten erst Marius Pepita und Lew Iwanow für die Konkurrenz in St. Petersburg die Sache in die Hand nehmen. Ihre Inszenierung für das Marientheater 1895 verhalf "Schwanensee" endlich zu der Würdigung, die dem Werk zustand, und leitete dessen weltweiten Erfolg ein. Sie wurde so sehr zum Standard der Darstellung, dass auch Rudolf Nurejew (1939-93)ganze Passagen, wie fast den kompletten 2. Akt, in seine Bearbeitung für die Wiener Staatsoper mehr als ein halbes Jahrhundert später übernahm. Doch diese Adaption hatte noch einen weiteren, subtileren Grund. Nurejew war Tänzer und Star des Kirov-Balletts gewesen, als er 1961 während eines Gastspiels in Paris nicht mehr in die UdSSR zurückkehrte. Seine Anlehnung an Iwanow war eine versteckte Hommage an seine künstlerische Heimat und Herkunft, die zwar durch den Kalten Krieg verriegelt blieb, in seinen Gedanken aber immer noch präsent war.

Überhaupt deutete und tanzte er den Prinzen Siegfried weitaus radikaler als frühere Bearbeitungen. Was auf den ersten Blick wie ein Kostümspiel in opulenter Ausstattung von Nicholas Georgiadis anmutet, entpuppt sich als eine Hamletsche Konzentration der Handlung auf die Vergeblichkeit der Liebe, der sich der junge Mann hingibt. Alle seine großen Soli haben etwas Nachdenkliches an sich, lassen Traurigkeit ahnen, die die eigene Blindheit im Angesicht der Chimäre Odile vorwegnehmen. Dieser Siegfried ist ein tragischer Held und Nurejew tanzt ihn als elegischen, zaudernden, beinahe in Zeitlupe das Geschehen erlebenden Melancholiker. So hat zwar Margot Fonteyn als Odette/Odile eigentlich mit der Schwanenprinzessin die zweite Hauptrolle, wird jedoch zum Sinnbild der inneren Zerrissenheit des Prinzen, der es sich nicht verzeiht, vom bösen Rotbart getäuscht worden zu sein, und den Tod als Strafe in Kauf nimmt. Durch diese Umdeutung bekam "Schwanensee" eine ungewohnte Wendung und Nurejew hatte alle Möglichkeiten, seine Kunst in Szenen wie dem Solo am Ende des ersten Aktes auszuspielen. Und das macht die Aufnahme von 1966 auch nach beinahe vier Jahrzehnten noch zu etwas Besonderem. Denn so konnte und kann sonst niemand tanzen. Gut, dass die Kameras es für die Nachwelt festgehalten haben.