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03.06.2005

Der Opern-Thriller

Der Opern-Thriller

Im musikalischen Lebenslauf Giacomo Puccinis (1858-1924) steht Tosca zwischen "La Bohème" und "Madame Butterfly". Mit ihrer quasi-realistischen Handlung im nachrevolutionären Europa der Napoleonischen Ära zählt sie zu den Hauptwerken des Verismo und bietet sich allein deshalb schon für eine Adaption mit filmischen Mitteln an. Gianfranco de Bosio begab sich daher im Herbst 1976 an die Originalschauplätze der Oper in Rom und verwirklichte einen Musikfilm, von dem der Rezensent der Washington Post meinte: "Das ist die beste Opernproduktion, die ich je im Fernsehen gesehen habe". Jetzt ist der hochgelobte Film auf DVD erhältlich und bietet zum optischen Erleben hinzu neben dem PCM Stereoklang auch die Surroundversion im DTS 5.1-Sound.

Genau genommen ist es eine blutrünstige Geschichte, die Giacomo Puccini im Jubeljahr 1900 in Rom uraufführen ließ. Zurückversetzt in das revolutionäre Geschehen des unter Napoleons Expansionsdrang leidenden Europas, entwickelte er eine Handlung, die die nationalstaatlichen Fragen seiner Gegenwart an den Beispielen einiger geplagter Kreaturen aus dem Bohème-Milieu auf die Bühne brachte. Die unglückliche Liebe zwischen dem Maler Mario Cavaradossi und der Sängerin Floria Tosca, ein korrupter Polizeichef, der sich die Hingabe Toscas durch Erpressung erzwingen will, verschiedene devote, thumbe, linkische Untertanen, die sich gerne als Handlanger der Macht einspannen lassen, Verrat und Flucht, Mord und Hinrichtung - was für ein Spektakel. Für die Oper der vergangenen Jahrhundertwende war das genau der Stoff, aus dem die action-geladenen Bühnenträume waren. Und Puccini gelang es, den politischen Plot derart geschickt und vielschichtig zu vernetzen, dass jeder seine Interpretation aus der Geschichte ziehen konnte. So entwickelte sich Tosca trotz der ernsten Handlung und der komplexen Hintergründe zu einer der viel gespielten Opern des modernen Repertoires, die für Künstler noch immer ihren darstellerischen Reiz hat und nebenbei einige der berühmtesten Arien des Genres beinhaltet.

Diese Nähe zur Realistik, zu einem kriminalgeschichtsartigen Szenenablauf faszinierte auch den Regisseur Gianfranco de Bosio. Denn sie bot ihm die Gelegenheit, mit filmischen Mitteln an Originalschauplätzen dem Werk ein anderes Tempo als gewohnt und damit eine neue Wirkung zu verleihen. Nicht nur die Wechsel der Perspektiven, die Beschleunigung durch den Schnitt oder die Kombination von objektiver und subjektiver Kamera, sondern auch die ungewohnten Lichteffekte, Raumverhältnisse und Ausstattungsdetails sorgen für optische Eindrücke, die die akustischen Vorgaben semantisierend ergänzen. Darüber hinaus gelang es den drei Hauptdarstellern, die noch dazu gerade im vom Libretto geforderten passenden Alter für ihre Rollen waren, auch im filmischen Kontext souverän zu agieren. Placido Domingo mimte einen wunderbar ambivalenten Cavaradossi, der zwischen künstlerischer Naivität und politischer Realistik pendelte, die bulgarische Sopranistin Raina Kabaivanska stellte eine leidende bis leidenschaftliche Tosca dar, auch sie in ihrer letztendlichen Einfalt dem Schurken Scarpia nicht wirklich gewachsen, obwohl sie ihn tötet. Der wiederum gibt in der Darstellung durch Sherril Milnes einen überzeugenden aristokratischen Fiesling ab, so dass die an sich überzeichnete Handlung in der Mischung aus filmischer Nähe und künstlerischer Abstraktion ihre eigene Kraft entwickelt. Einmal mehr ein Beispiel dafür, dass intelligente Transformation in ein anderes Medium der Traditionsform Oper zu neuen Qualitäten verhilft.