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27.05.2005

Mysterium

Alexander Skrjabin stand am Rande des Abgrunds. Als Komponist wie Pianist ehrgeizig, hatte er es übertrieben und seine rechte Hand 1893 derartig überanstrengt, dass sie ihre Spielfähigkeit zu verlieren drohte. Im zähen Willenskampf gegen die Natur schaffte es der 21jährige jedoch, diesem dunklen Schicksal zu entgehen. Fortan wollte er mehr noch als zuvor mit seiner Musik Kraft und Emotion zugleich vermitteln, als Grundlage der Kunst überhaupt.

Interpreten haben es daher nicht nur mit einem außergewöhnlichen Komponisten zu tun, sondern mit einem Sinn hinter den Dingen, den es zu erspüren gilt. Anna Gourari hat Skrjabin verstanden, den Melancholiker, aber auch den Kämpfer für die Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Und sie widmet ihm mit Désir ein Album voller kleiner und großer Momente der Intensität.

In dem Jahr, als Alexander Skrjabin (1872-1915) mit seiner Hand kämpfte, erschienen auch seine ersten Kompositionen im Druck. Überhaupt war alles ziemlich schnell gegangen. Das Wunderkind aus Moskau hatte von 1888 an unter anderem bei Sergej Tanejew Unterricht gehabt, war daraufhin zunächst als Konzertpianist unterwegs, hatte sich dann aber auch zunehmend dem Komponieren gewidmet. Seine frühen Werke bis hin zu den acht "Etüden für Klavier op.42" (1903) waren durch einen inspirierten Eklektizismus aufgefallen, der die harmonischen und strukturellen Ideen Chopins, Liszts und Schumanns in ein modifiziertes Ausdruckssystem zu überführen versuchte. Von 1898 an war Skrjabin als Professor am Moskauer Konservatorium finanziell unabhängiger und widmete sich daraufhin auch umfassenderen orchestralen, sinfonischen Werken. Vielseitig interessiert, versuchte er außerdem, hinter der eigentlichen Klanggestalt philosophische Zusammenhänge der Musik deutlich zu machen.

 

Im Jahr 1904 verließ er Russland und ließ sich zunächst in der Schweiz, dann in Italien, schließlich in Brüssel nieder. Die Kompositionen dieser späten Jahre entfernten sich vom hochromantischen Ansatz und wandten sich einer freitonalen Harmonik zu, die etwa mit ungewohnten Intervallen neue Klangfarben zu erforschen wollte. Skrjabin experimentierte mit Quartschichtungen, die er als "mystische Akkorde" einstufte, wie er überhaupt immer deutlicher zur gedanklichen Durchdringung der Musik neigte. Er starb in Moskau als einer der faszinierendsten Komponisten an der Nahtstelle zur Moderne, einer von den Visionären, der noch viel hätte bewegen können, wenn ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre.

Anna Gourari wiederum hat von Kindesbeinen an eine besondere Beziehung zu der Musik Skrjabins. Geboren im russischen Kazan, unterrichtet von Kira Schaschkina, die schon Mikhail Pletnev auf den Weg gebracht hatte, übte der Querkopf und Mystiker eine besondere Faszination auf die junge Pianistin aus. Denn mit ihm teilte sie eine spezielle Leidenschaft für das Hintergründige des Ausdrucks, das nur über die Persönlichkeit des Künstlers zu verstehen ist: "Ich empfinde Musik als einen persönlichen Akt emotionaler Hingabe. Alles andere wird immer aufgesetzt aussehen", meint Gourari dazu in den Liner Notes zu Désir, ihrer Verneigung vor dem vielfarbigen Werk ihres Landsmanns, und fügt hinzu: "Auf der Bühne muss alles Analysierte, Geübte, Erarbeitete als 'conditio sine qua non' in der Hintergrund rücken, als Basis für Spontaneität, Gefühl, Unerwartetes, um letztlich das 'Mysterium' Musik zu ermöglichen".

 

Diese Einstellung hat ihr bereits geholfen, aus Chopin oder Beethoven Erstaunliches hervor zu locken. Nun zeigt sie anhand von Skrjabin - übrigens bereits ihr zweites Recital mit Werken des russischen Meisters - und der ernsten "Chaconne" von Sofia Gubaidulina, wie sich dieses Mysterium auch in kleinen, scheinbar beiläufigen Kompositionen wie den verschiedenen "Morceaux" manifestiert. Denn ganz gleich, ob sich Gourari der leidenschaftlichen "Sonate Nr.3 fis-Moll, op.23" oder Albumblättern wie der "Rêverie" annimmt - immer leuchtet durch die Oberfläche hindurch der Glanz des profunden Verständnisses, des ungehemmten Empfindens, der aus dem Album Désir einen Höhepunkt des musikalischen Sommers macht.