Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

27.05.2005

Der andere Blick

Der andere Blick

Madame Butterfly hätte auch ein Drehbuch sein können. Jedenfalls hat bereits Giacomo Puccini die Geschichte um die liebende Geisha Cio-Cio-San mit einer inneren Dramatik versehen, die es Jean-Pierre Ponnelle nahe legte, die Oper als Film darzustellen. Im Jahr 1974 entstand seine Deutung des Stoffes, mit Mirella Freni in der Hauptrolle, Placido Domingo als treulosem Leutnant Pinkerton und der Musik der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan. Und es wurde ein faszinierendes Kammerspiel um die Sehnsüchte und Hoffnungen einer großen Liebe, die letztendlich enttäuscht werden.

Die Uraufführung war ein Reinfall. Als Giacomo Puccini am 14. Februar 1904 dem Publikum der Mailänder Scala sein neuestes Werk Madame Butterfly präsentierte, stieß er auf reichlich Unbehagen. Vielleicht hatte er sich mit dem Stoff doch ein wenig zu sehr nach vorne gewagt, wo doch der Kolonialismus und dessen Auswüchse noch immer als positive Entwicklungen gesehen wurden. Jedenfalls überarbeitete er die Oper inhaltlich, strukturell und musikalisch, stellte sie wenige Monate später zunächst in Brescia einer anderen Zuhörerschaft vor. Auch hier war die Begeisterung mäßig, sodass erst die Inszenierung an der Pariser Opéra Comique 1906 den Durchbruch für das inzwischen weltweit zum Klassiker gewordene Singspiel brachte. Der Stoff jedenfalls war brisant. Erzählt wird die Geschichte einer minderjährigen Geisha aus armen Hause, die einen amerikanischen Leutnant heiratet. Der wiederum nimmt die Liaison nicht sonderlich ernst, verlässt das Mädchen nach kurzer Zeit und bindet sich in seiner Heimat neu. Die junge Cio-Cio-San, genannt Madame Butterfly, jedoch sieht in ihrem Mann Pinkerton die große Liebe ihres Lebens, bekehrt sich ihm zuliebe zum christlichen Glauben und schenkt ihm einen Sohn, den sie drei Jahre lang liebevoll aufzieht, und schlägt sogar eine viel versprechende neue Ehe mit dem Fürsten Yamadori aus, der das Mädchen liebt. Als der treulose Hallodri wieder auftaucht, um Cio-Cio-San seine neue Angetraute vorzustellen und den Sohn mit sich zu nehmen, reagiert Madame Butterfly nach japanischem Ritus extrem und bringt sich um.

Die Konstellation und der Handlungsverlauf sind natürlich bühnenwirksam überzeichnet. Trotzdem ist Madame Butterfly eine außergewöhnliche, psychologisierende Geschichte, mit der Puccini und seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica das Schicksal einer betrogenen Frau und die Ausweglosigkeit der Situation in ihren Augen thematisieren. Für den Regisseur und Opernspezialisten Jean-Pierre Ponnelle war das eine Ausgangslage, die sich hervorragend mit den Mitteln des Opernfilm einfangen ließ. Er verzichtete in seiner 1974 gedrehten Interpretation nahezu vollständig auf exotistisches Brimbamborium - sieht man mal von dem surrealen Auftritt des Mönchs Bonze ab, der wie ein Höllendiener das Geschehen prophezeit - und konzentrierte sich vielmehr auf die Gemütslagen der Hauptfigur. Er arbeitete mit Rückblicken und Überblendungen, parallelen Filmsequenzen und Zeitlupenpassagen, stellenweise unter Vorwegnahme einiger Videotechniken, die inzwischen im Popmusikbereich verwendet werden. Dabei verlor er aber seine Protagonistin in keinem Moment aus den Augen, sondern fokussierte alles auf ihr Denken hin. Mirella Freni hatte aus diesem Grund keine leichte Aufgabe. Im Unterschied zur realen Bühne nahm sie die Kamera immer wieder portraithaft ins Bild, deutete ihre Gestik und Mimik als Verweis auf das innere Geschehen und ließ eine intime Atmosphäre entstehen, die im Theaterraum nicht sich hätte entwickeln können. So schafft Ponnelle eine Deutung, die die Intentionen Puccinis noch einmal unterstützt und zuspitzt und die Pinkerton schlussendlich als an seiner eigenen Leichtfertigkeit gescheiterten Bonvivant wie irre durch einen Traumkosmos taumeln lässt. Das ist mehr, als die Opernbühne bieten kann, aber nicht so viel, dass in das Werk hineininterpretiert wird, was die ursprüngliche Vorlage nicht hergibt. Insofern ist Ponnelles Madame Butterfly in ihrer Art eine perfekte Darstellung.