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20.05.2005

Der Großmeister

Der Großmeister

Die Frage ist nicht, was man hinzufügen muss, sondern was man weglassen darf. Dietrich Fischer-Dieskau hat während eines knappen halben Jahrhunderts auf den Bühnen der Kulturwelt eine faszinierende Vielfalt herausragender Aufnahmen geschaffen, die alle auf ihre Weise zu den wesentlichen Zeugnissen ihres Fachs gehören. Eine DVD-Kompilation wie The Art Of Dietrich Fischer-Dieskau kann daher nur schlaglichtartig an besondere Momente aus dem Leben eines großen Künstlers erinnern. Aber bereits das ist ein Erlebnis.

Entspannt sitzt er im Sessel, das Lächeln ein wenig schelmisch, und erinnert sich im Gespräch mit Jens Malte Fischer an verschiedene Ereignisse seiner Bühnenjahre. Etwa an den Dirigenten Ferenc Fricsay, dessen beeindruckende Präsenz und musikalische Umsicht jedem Beteiligten die bestmögliche Ausgangsposition für einen gelungenen Auftritt gab. Oder an den Dirigenten Wolfgang Sawallisch, der auch als Pianist die besondere Gabe besaß, jeden Atmer seines Gegenübers zu ahnen und darauf quasi prophylaktisch zu reagieren. Dabei macht Fischer-Dieskau nicht den Eindruck eines 80jährigen, der sein Leben Revue passieren lässt, sondern eher den eines präzise beobachtenden Zeitgenossen, dem Ausdruck und Tiefe der Musik weit mehr am Herzen liegen als das gegenwärtige Credo der sangestechnischen Perfektion. Und so zeigen auch die ausgewählten Beispiele aus der mittleren Phase seiner Laufbahn - eine DVD mit Opernexzerpten, eine mit Liedprogrammen - stilistisch sehr unterschiedliche Ausschnitte des kreativen Spektrums. Sie präsentieren einen Sänger, der als charismatischer Barak in Strauss' "Frau ohne Schatten" ebenso überzeugt wie als sanfter Interpret vorwiegend romantisch vertonter Gedichte des 18. und 19.Jahrhunderts. Charmant ist in diesem Zusammenhang nicht nur die künstlerische Leistung Fischer-Dieskaus, sondern auch der ästhetische Kontext, in den seine Darstellungen gebettet sind.

Zum Beispiel Mozarts "Le Nozze Di Figaro". Konzipiert 1976 von Jean-Pierre Ponnelle für die Augen der Kameras erinnern die Arien an eine inzwischen unübliche Praxis, Opern in Studio nachzustellen. Da neben Fischer-Dieskau als Almaviva unter anderem Kiri Te Kanawa als Contessa, Mirella Freni als Susanne und Hermann Prey als Figaro auftreten, hat man das seltene Vergnügen, die komische Oper Mozarts in einer ebenso amüsanten wie unzeitgemäßen Version vorgestellt zu bekommen. Klassischer hingegen wirkt der "Don Giovanni", der 1961 zu Eröffnung des neuen Hauses der Deutschen Oper in Berlin einen im Kern tragischen Titelhelden dokumentiert, der auch auf jeder Sprechtheaterbühne durch seine Unmittelbarkeit berührt hätte. Wirklich auratisch wird Fischer-Dieskau gar in der Rolle des Baraks, die er 1963 in der "Frau ohne Schatten" einnahm, ebenfalls einer historischen Aufführung zur Wiedereröffnung der Bayerischen Staatsoper in München. Bereits drei Jahre zuvor sang er noch im alten Prinzregententheater in München eine seiner Lieblingsrollen, den Mandryka aus Straussens "Arabella", und quasi zur Abrundung wurde den Opernexzerpten eine Szene aus Aribert Reimanns "Lear" zur Seite gestellt, die 1982 in München unter Ponnelles Ägide entstanden war.

Den Gegenpol dieser Ausschnitte wiederum bildet ein im Studio mit karger Dekoration gefilmtes Liedprogramm mit vertonten Gedichten von Goethe bis Richard Strauss. Dem werden schließlich noch die mit dem jungen Lorin Maazel und dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin 1968 aufgenommenen "Kindertotenlieder" von Gustav Mahler beigefügt. Als Bonus sind beide Themenkomplexe durch aktuelle Interviewsequenzen ergänzt, so dass mit The Art Of Dietrich Fischer-Dieskau ein einführendes Panoptikum eines künstlerischen Lebenswerkes entsteht, das eindrucksvoller kaum sein könnte.