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20.05.2005

Der andere Blick

Der andere Blick

Als das Fernsehen noch jung war, reizte es viele Künstler zum Experimentieren. Einer davon war Jean-Pierre Ponnelle (*1932-88), Bühnenbildner, Graphiker, Regisseur aus Paris und Schüler des berühmten Malers Fernand Léger. Seine Arbeit an großen Opernbühnen in Europa führte ihn auch zur Kamera, die ihm neue Möglichkeiten der Darstellung eröffnete. So entstand im Jahr 1976 eine inzwischen zum Klassiker avancierte TV-Adaption von Wolfgang Amadeus Mozarts Le Nozze di Figaro mit Gesangs-Koryphäen wie Mirella Freni, Kiri Te Kanawa, Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey, die nun in volle Länge auf DVD wieder zu erleben ist.

Es war ein anderes Arbeiten mit den Komponenten Inhalt und Darstellung. In einem Interview erklärte Jean-Pierre Ponnelle nach der Fertigstellung des Figaros, was ihn dabei besonders faszinierte: "Ich sehe den Unterschied auf zwei Ebenen, einer optischen und einer musikalischen. Optisch ist die Bühne auf eine Richtung vom Zuschauer zur Bühne hin mit maximal drei Wänden fixiert. Eine vierte Wand gibt es nicht, weil da der Zuschauerraum ist. Die Kamera dagegen erlaubt uns, um 360 Grad herumzugehen. Zur filmischen Optik gehört, dass wir nicht nur einen Paroramablick auf das Bühnengeschehen haben, sondern mit Close-ups näher herangehen können. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Was mich im Hinblick auf den musikalischen Ausdruck am meisten interessiert, ist Folgendes: Ich glaube, die Kameratechnik, die Film- und Fernsehtechnik erlauben eine zusätzliche musikalische Komponente, eine Interpretationskomponente, um Musiktheater zu realisieren, zum Beispiel durch Schnitte oder spezielle Trickverfahren". Darüber hinaus, fügte er wenige Sätze später hinzu, ermögliche das Playback-Verfahren den Künstlern, sich nicht um komplizierte Stellen der Partitur Gedanken machen zu müssen, die sonst unter Live-Bedingungen der Theateraufführung Nervosität und Angstschweiß produzierten. So könne quasi unter idealen künstlerischen Bedingungen gearbeitet werden, konzentriert und entspannt zugleich, was wiederum der optischen Darstellung zugute komme.

Ponnelle gestaltet Le Nozze di Figaro daher in charmanter Weise unzeitgemäß. In einer Ära, wo sich das Publikum bereits an die Errungenschaften des Regietheaters zu gewöhnen begann, wählte er einen quasi-historischen Hintergrund, opernhaft abstrakt und zugleich bühnenhaft konkret. Man hat den Blick nach draußen, die Schauspieler agieren in Räumen, die Offenheit suggerieren. Und sie haben die Möglichkeit, ihre tatsächlichen Qualitäten als Akteure zu demonstrieren. Hermann Prey zum Beispiel mimt einen wunderbar jovialen Figaro mit Hang zur Burleske. Dietrich Fischer-Dieskau gibt einen prächtigen Almaviva ab, einen Aristokraten mit linkischer Note, dem man mühelos den Schwerenöter hinter der eleganten Fassade abnimmt. Kiri Te Kanawa brilliert als hintergründige, wohlwissende Contessa, Mirella Freni hat wie Prey durchaus komödiantische Qualitäten. Der filmisch dezente Schnitt, die geschickten Wechsel der Perspektive wie auch der gesamte dramaturgische Ablauf verleihen dem Spiel zusätzliches Tempo, ohne ihm aber seine Hintergründigkeit zu nehmen. Die Musik wurde mit Karl Böhm und den Wiener Philharmoniker in bestmöglicher Qualität vorproduziert und nun für die DVD-Version nicht nur in PCM Stereo, sondern auch in DTS 5.1 Surround-Sound remastered. So kommt der Figaro Ponnelles Darstellungsideal noch einen Schritt näher, indem er nicht nur optisch, sondern auch akustisch die engen Grenzen der Bühnenästhetik sprengt.