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13.05.2005
Claudio Abbado

Die Dramatische

Claudio Abbado, Die Dramatische

Gustav Mahlers sechste Sinfonie irritierte Zeitgenossen und Interpreten. Man nannte sie "Die Tragische" und berühmte Dirigenten wie etwa Bruno Walter bescheinigten ihr eine pessimistische Grundstimmung, die von Kampf aller gegen alle Musik bestimmt sei. Ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung nahm sich Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern dem opulenten Werk an und demonstrierte, dass der eigentliche Untertitel "Die Dramatische" heißen müsste.

Natürlich wurde viel über das ungewöhnliche Werk geschrieben, das Gustav Mahler in den Jahren 1903-05 konzipierte und das am 27.Mai 1906 in Essen unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wurde. Er hatte selbst einigen Anlass zur Verwirrung gegeben. Schon das Ausmaß des Notentextes war gewaltig. Allein der vierte Satz könnte mit rund 30 Minuten, einer überbordenden Motivvielfalt und einem mehr als 100 taktigen Finale als eigenes Konzertstück verstanden werden. Scherzo und Andante waren mehrfach umgestellt worden, weil Mahler sich über die richtige Reihenfolge zunächst nicht klar wurde, wobei er allerdings bei der Uraufführung in Essen und der Wiener Premiere im Januar 1907 die ruhige Passage der beschwingteren voraus schickte. Ebenfalls auffällig war der markante Einsatz von Pauken, deren wuchtige Schläge immer wieder als pathosförderndes Merkmal eingesetzt wurden. Gerade im vierten Satz wurden sie als "Hammerschläge" verstanden, die mit unerbittlicher Kraft die Musik besiegen, die sich zuvor in mehrfachen Anläufen zu orchestralen Höhepunkten empor wand. So setzte sich die Deutung durch, das ganze Motivgeflecht als Triumph des Schicksals, des Todes über das Leben zu Interpretieren, was durchaus auch von Mahler selbst angedeutet wurde und mit den finalen Paukenschlägen als bestätigt gesehen werden konnte.

Doch das wiederum hängt auch von der Deutung durch den Dirigenten ab. So wählte Claudia Abbado für den ersten großen Auftritt mit seinem ehemaligen Berliner Stammorchester im Juni 2004 bewusst die sechste Sinfonie aus, um an ihr das gesamte Spektrum dramatisch wirkungsvoller Klanggestaltung zu entwickeln. Seine besondere Meisterschaft besteht dabei in der Nuancierung der atmosphärischen Schwingungen, die von Mahlers Opus' ausgehen. Zum einen wählt er natürlich Pathos und Fülle, um die umwerfende Kraft der sinfonischen Gestaltungskompetenz des Komponisten vor allem im vierten Satz zu präsentieren. Andererseits finden sich von Anfang an Elemente des Leichten, der Transparenz, die der eindimensionalen Deutung des Kunstwerks widersprechen.

 

Wo für frühere Interpreten die Negation und die düstere Emphase der Musik vorherrschte, lässt Abbado an vielen Stellen vom "Alma-Thema" zu Beginn bis zu den numinosen Harfenklängen am Schluss die Türen offen, die die vermeintlich sinistre Dimension des Schicksals konterkarieren. Das ist ebenso bemerkenswert wie typisch für Abbado, der sich während der vergangenen Jahrzehnte nie mit einer scheinbar festen Deutung eines Werkes zufrieden gab. Und es erklärt auch, warum dieses Konzert nach seiner Aufführung in der Presse euphorisch als weiterer Höhepunkt in der ausführlichen Beschäftigung dieses Ausnahmedirigenten mit den Klangphantasien Mahlers gefeiert wurde.