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06.05.2005

Früh gereift

Früh gereift

Wunderkinder werden meist bestaunt und oft belächelt. Man solle erst einmal abwarten, was denn daraus noch werde, kann man dann von erfahrenden Kennern der Materie hören, und nicht selten behalten die Auguren der künstlerischen Pubertät Recht, weil die Knaben und Mädels den Sprung in die musikalische Adoleszenz nicht ohne Reibungsverluste durchstehen. Bei Friedrich Gulda hingegen war das anders. Er behauptete von sich, bereits mit 17 Jahren als Pianist im Grunde fertig und ausgereift gewesen zu sein. Jetzt sind frühe Aufnahmen aus den Jahren 1947-49 aufgetaucht und sorgfältig ediert worden, die dieses Diktum nachprüfbar machen.

Friedrich Gulda (1930-2000) hatte früh angefangen. Gerade sieben Jahre war er alt, als er mit dem Privatunterricht bei Felix Pazofsky begann. Als dieser ihm kaum noch etwas beizubringen hatte, setzte er seine Ausbildung bis 1947 an der Wiener Musikakademie bei Joseph Marx (Theorie) und Bruno Seidlhofer (Klavier) fort. Von da an betrachtete er seine künstlerische Kompetenz als weitgehend ausgereift und machte sich auf, die internationalen Konzertsäle für sich zu gewinnen. Erste wichtige Erfolge hatte er bereits vorzuweisen, wie etwa nach seinem Debüt 1944 der erste Preis beim Genfer Wettbewerb 1946. Er machte sich bald darauf als Beethoven-Spezialist einen Namen, spielte dessen 32 Sonaten mehrfach als Konzertzyklus und wurde schließlich 1950 als Jahrhunderttalent in der New Yorker Carnegie Hall gefeiert.

Seine umfassende Interpretationskunst brachte nicht selten die Rezensenten in Beschreibungsnöte, war er doch in seinem musikalischen Verständnis ähnlich radikal und unbeugsam wie sein Genie-Kollege Glenn Gould. Nicht umsonst stellt der Musikkritiker Joachim Kaiser in seiner Klavier-Anthologie "Große Pianisten in unserer Zeit" die beiden Koryphäen daher nebeneinander und beschreibt den Stil des Wiener Meister mit Blick auf dessen Beethoven-Interpretationen als "ausgesprochen maskulin , kraftvoll, bestimmt, entschieden. Große Zusammenhänge geraten ihm wie aus einem Guss, werden überschaubar, einfach. Auch im entfesselten Tempo erlaubt er sich nie eine Undeutlichkeit. Nie wühlt die linke Hand nur so herum, müht die rechte sich ziellos ab. Sein manuelles Vermögen ist außerordentlich. Er 'kann' technisch offensichtlich mehr als Schnabel oder Kempf, als Fischer oder selbst Richter. Und er übersieht genau, was er kann".

Tatsächlich ist dieses Faktum der Übersicht bereits auch ein wesentliches Kriterium seiner frühen Interpetationen. Die bislang im privaten Archiv der Familie gelagerten Aufnahmen, die in den Jahren 1947-49 für die Decca entstanden und nun mit Hilfe der Fachkompetenz von Guldas künstlerischer Nachlassverwalterin Ursula Anders und dem Sohn des Pianisten Paul Gulda sorgfältig rekonstruiert und ediert wurden, präsentieren einen erstaunlich gelassenen Künstler, der ein stilistisch umfassenden Repertoire von Bach bis Prokofieff mühelos meistert. Mehr noch: Mozarts Klaviersonate D-Dur KV 576 zum Beispiel nimmt in ihrer klaren Eleganz eine Interpretationspraxis vorweg, die erst ein halbes Jahrhundert später gebräuchlich werden sollte.

Seine Aufnahmen insgesamt sind bereits eine vorgezogene Conclusio dessen, was in den folgenden Jahren folgen sollte. Noch einmal Joachim Kaiser, diesmal in den Liner Notes zu The First Recordings: "Guldas frühe Londoner Einspielungen - darunter die einzige Prokofieff-Interpretation, die überhaupt von Gulda existiert, denn in Konzerten hat er meines Wissens niemals mehr Prokofieff auf's Programm gesetzt, dessen 7.Sonate er so stürmisch beherrschte - diese Einspielungen nehmen mannigfache Eigenschaften, Eigentümlichkeiten, Stärken und Manierismen vorweg, die später für Gulda charakteristisch wurden. Auch, zum Beispiel, den innig ruhigen 'unschuldigen' Ton, in dem er hier selbstverständlich und zart Beethovens Alters-Lyrik erklingen zu lassen vermag (Bagatelle B-Dur op. 119, Nr. 11). Manchmal treffen wir bereits hier auf Guldas Neigung, wichtige Motive allzu stechend zu pointieren, damit nur nichts weichlich verschwimme... Aufregender noch als die Wahrnehmung dessen, was in diesem Künstlerleben identisch, typisch, hoch-eigentümlich gewesen ist, erscheinen gewisse jugendliche Freiheiten und sogar Empfindlichkeiten, denen man so direkt beim späten Gulda kaum mehr begegnet". Die First Recordings sind daher nicht nur ein Muss für alle Freunde der zeitgenössischen Pianistik, sondern eine Schatztruhe der Originalität, in der es noch manche Pretiose zu entdecken gibt.