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06.05.2005

Fluch und Wahnsinn

Fluch und Wahnsinn

Auf der einen Seite Simon Estes, ein Holländer wie einem Film von Ridley Scott entsprungen, auf der anderen Robert Schunk, ein biederer Erik mit kleinbürgerlich-solider Ausstrahlung - bei solch einer Konstellation wundert es wenig, wenn sich Senta (Lisbeth Balslev) für den auratischen und gepeinigten Mann entscheidet, dem sie durch ihren Tod die Freiheit wieder gibt. Und es zeugt darüber hinaus von einer ausgezeichneten Wahl der Charaktere, die im Bayreuth der frühen Achtziger dazu führte, dass der "Fliegende Holländer" ein großer Publikumserfolg wurde. Nun ist die Aufführung auch in einer eindrucksvoll unter der Ägide von Harry Kupfer gefilmten Version auf DVD erhält, als Auftakt einer Serie der Deutschen Grammophon, die in diesem Frühjahr eine Auswahl berühmter Bühnenereignisse auf internationalen Opernbühnen vorstellt.

Harry Kupfers Inszenierung von Richard Wagners "Fliegendem Holländer" war umstritten. Denn sie bedeutete für das Bayreuther Festspielpublikum ein erhebliches Maß an Umdenken, sowohl inhaltlich als auch in der Form der Darstellung. Immerhin zwölf Mal wurde die Bühne simultan zum Geschehen verändert. Licht und Schatten kommunizierten mit den Mitteln des modernen Regietheaters und erschufen eine Atmosphäre, die der Oper nicht nur eine bedrohliche Stimmung gaben, sondern ihre Bilder stellenweise in die Nähe des Phantastischen stellten. Damit das möglich wurde, musste Kupfer eine inhaltliche Deutung nahe legen, die ihren Schwerpunkt von der Erlösung des Mannes auf die Qualen der Frau legte. Und so psychologisierte er die Rolle der Senta unter veränderten Vorzeichen, die ihren Realitätsverlust zunehmend verdeutlichten. Es war nicht mehr das Schicksal des Holländers an sich, das die Tochter des zutiefst kleinbürgerlichen Dalands rührte, sondern der Kontrast zur die Grenzen zur Wirklichkeit überscheitenden Phantasiewelt, der sie irritierte und letztlich in den Suizid trieb. Auf der einen Seite steht das spießige Millieu ihrer unmittelbaren Umgebung, vom einfältigen, habgierigen Vater bis zur linkischen Amme Mary, das lediglich durch die ehrliche, aber ein wenig farblose Liebe des Jägers Erik aufgehellt wird. Auf der anderen ist die Fabelwelt zwischen Geisterreich und Gegenwart, die in der Gestalt des nach einer treuen Frau zur Erlösung suchenden Holländers konkret wird, der, mehr Gladiator als Geist, ihre Träume befügelt.

Senta reibt sich auf zwischen diesen beiden Polen ihres Lebens und sie schafft es nicht, sich von den eigenen Ängsten und psychotischen Tagträumen frei zu machen. So entwickelt Kupfer ein tristes, introvertiertes Bild aus der Wagnerschen Vorlage, das durchaus seine Eigenheiten hat. Trotzdem gehörte seine Inszenierung zu den erfolgreichsten dieser Ära in Bayreuth. Sie wurde von 1978-85 immerhin 38 Mal gespielt und zog mit zunehmender Akzeptanz das Publikum in den Bann. Während der letzten Aufführungsphase im Jahr 1985 verwirklichte Kupfer daher auch eine Fassung für die Fernsehkameras, die mit zusätzlicher Deutlichkeit seine Ziele darstellen konnte. Sentas Wahnsinn ist durch Überblendungen von Anfang an präsent, Szenen wie die Vertreibung der Matrosen (und imaginären Hochzeitsgäste) durch die holländischen Geisterseefahrer bekommen eine neue optische Dynamik, die das Geschehen in Spielfilmnähe rückt, ohne den theatralischen Charakter der Oper zu negieren. So hat die DVD-Version nicht nur den Vorteil des hervorragenden 5.1 DTS-Surround-Sounds (wahlweise PCM Stereo), sondern vermittelt zusätzlich eine interpretatorische Weiterführung der bereits in der Inszenierung angelegten Verständnismuster. Ganz abgesehen von den grandiosen Bildern, die die Bayreuther Bühne per se bereits zu bieten hat.