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29.04.2005

Gefährliche Frauen

Gefährliche Frauen

Das bürgerliche 19. Jahrhundert hatte seine Probleme mit Frauen. Um noch uneingeschränkt unter der Fuchtel des Mannes stehen zu können, waren die Aufklärung und deren gesellschaftliche Folgen zu weit gegangen. Autonomie aber wollte ihnen das schwindende Patriarchat auch nicht zugestehen. Also rettete man sich in Klischees, in Rollenmodelle, die Ängste und Verunsicherungen verschlüsselt formulierten. Frauen, waren sie nicht brave Ehepartnerinnen, wurde entweder zur femme fragile, der häufig schwindsüchtigen Vertreterin des schwachen Geschlechts, oder zur femme fatale, dem direkt oder indirekt männermordenden Vamp, stilisiert.

Beide Figurentypen mussten natürlich am Ende eines Plots dahinscheiden, damit die Ordnung wieder hergestellt ist. Und beide sind vorbildlich in der Zusammenstellung von Puccinis "La Bohème" und Bizets "Carmen" gegenübergestellt: die fragile Mimi und die fatale Carmen, Männerphantasien eines sich seinem Ende zuneigenden Zeitalters.

George Bizets (1838-75) "Carmen" war in mancher Hinsicht visionär und diskursiv sehr nah am Zeitgeist orientiert. Da war zunächst der Stoff, der eine Zigeunerin und einen zum Verbrecher aus Leidenschaft herabgesunkenen Aristokraten in den Mittelpunkt stellte. War der untreue Adelige im Rahmen Opéra Comique zu tolerieren, galt das Milieu der Titelrolle als problematisch. Die Outlaws der bürgerlichen Gesellschaft waren zuvor als Kolorit, aber nicht als Mittelpunkt einer Oper geduldet. Für Bizet jedoch bestand gerade darin der besondere Reiz. Denn mit Carmen konnte er nicht nur sinnliche, freiheitliche und leidenschaftliche Elemente in die Handlung einbeziehen, sondern sich darüber hinaus auch plausibel mit dem klanglichen Reiz der so genannten Zigeunermusik beschäftigen, die im Kern allerdings kreolische Wurzeln hatte. Da er mit den Librettisten Henri Meilhac und Ludivoc Halévy über ein ausgezeichnetes, unterhaltungserprobtes Team verfügte - sie waren unter anderem auch erfolgreich für Offenbach tätig -, entwickelte die Umarbeitung der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée erfrischend unmittelbare Qualitäten. So kam es, dass "Carmen" nach den anfänglichen Problemen der misslungenen Premiere sich schnell zu einer der meist gespielten Opern des Repertoires entwickelte. Die melodramatische Handlung, die Häufung großartiger, pathosgetönter Ohrwürmer, überhaupt die Lebendigkeit und Stringenz der Handlung lässt sie bis heute ganz oben auf der Popularitätsliste der Schauspielhäuser rangieren.

Auch Giaccomo Puccinis (1858-1924) "La Bohème" fiel bei der Première durch. Als es im Januar 1896 im Teatro Regio von Turin uraufgeführt wurde, konnte es sich der ortsansässige Kritiker nicht verkneifen, das Werk in aller Form zu zerreißen: "La Bohème macht nicht nur auf das Gemüt der Zuhörer nur geringen Eindruck, sie wird auch in der Geschichte unserer Oper kaum eine Spur hinterlassen. Der Komponist sollte sie als vorübergehenden Fehltritt betrachten und getrost den rechten Weg weitergehen". Tatsächlich hatte es schon vor der Aufführung einige Probleme gegeben. Der größte Hemmschuh war Giacomo Puccini selbst. Denn erfolgreich und unsicher zugleich, schikanierte er seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, die aus der Vorlage Henry Murgers "Scènes de la vie de Bohème" eine Oper zu schnitzen versuchten, bis sie zeitweilig das Handtuch warfen. Immerhin schaffte er es, die Partitur sechs Wochen vor der Uraufführung fertig zu stellen (für Puccini durchaus frühzeitig), wollte aber zunächst nicht in Turin damit an die Öffentlichkeit gehen. Doch er musste nachgeben, darüber hinaus auch noch auf den gewünschten Dirigenten Leopoldo Mugnone verzichten und mit dem jungen Arturo Toscanini Vorlieb nehmen. Außerdem sangen ihm die Sänger nicht gut genug und überhaupt. Die Oper wurde doch noch ein Erfolg, erst in Rom, dann in Neapel, Palermo, Manchester, dem Covent Garden, schließlich in der ganzen Welt. Das lag nicht nur an ihrer geschickt in die Stimmung des Fin-de-Siècle passenden Handlung im scheinbar freien Künstlermilieu, sondern auch an der raffiniert ausgewogenen Musik, die bei allem Schmiss die Waage zwischen Pathos und Rücknahme, Tempo und Verweilen, Humor und Ernsthaftigkeit zu halten verstand.

Bei so viel Gemeinsamkeiten und gleichzeitig farbigen Kontrasten bot es sich an, die beiden Opern in Auszüge auf einem Album zu veröffentlichen. Die Originalausgabe der Aufnahmen vom Juli 1960 wurde damals in der Serie "Zauberreich der Oper" präsentiert und war auf deutsch gesungen, eine Besonderheit im Repertoire. Sie stellte im Falle Bizets Ira Malaniuk in der Rolle der temperamentvollen Carmen und Sándor Kónya als hitzköpfigen Don José gegenüber. Kombiniert mit den Höhepunkten aus Puccinis "La Bohème", ebenfalls mit Kónya in der Hauptrolle des die Liebe seines Lebens zu spät erkennenden Rudolfs und Antonia Fahberg als eindrucksvoll leidende Mimi, ist es ein Brevier wunderbarer Melodien aus einer Aufnahme-Ära, als man noch ohne historisch-kritische Vorbehalte sich in die Leidenschaften stürzen durfte.