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29.04.2005

Der Solist

Der Solist

Es ist wunderbar, sich als Solist vor ein Orchester stellen zu können und eingebettet in den umfassenden symphonischen Rahmen sich treiben zu lassen. Es ist aber noch einmal etwas anderes, unbegleitet oder nur mit einem Klavier an der Seite durch das Kammermusikrepertoire zu streifen. Denn hier wird jede Nuance, jeder kleine Einfall hörbar, der aus dem Notentext eine individuelle, wohlmöglich großartige Interpretation macht. Und deshalb sind die Aufnahmen französischer Kammermusik und der Violin Favourites von Kreisler bis Wieniawski die eigentliche Kür, mit der Joshua Bell über die Orchestereinspielungen hinaus seine Kunst dokumentiert.

Mitte der achtziger Jahre galt Joshua Bell als das Geigentalent der Epoche. Seit seinem spektakulären Debüt mit Riccardo Muti, der als Leiter des Philadelphia Orchestras den damals Vierzehnjährigen im Konzert vorstellte, hatte sich die Presse bereits darauf verständig, ihn zum kommenden Star zu erklären. Daher war es besonders wichtig, den Einstand bei der Decca wirkungsvoll und überzeugend zu gestalten. Als Bell daher 1986 ins Studio ging und - erst 19 Jahre alt - sein Premierenprogramm gestaltete, legte er Wert auf Vielfalt und Transparenz, die seine imposanten spieltechnischen Fertigkeiten und interpretatorischen Möglichkeiten präsentierte. Das Album hieß damals Presenting Joshua Bell und ist nun als ein Teil der kleinen Werkschau des Geigenvirtuosen wieder erhältlich. Das Repertoire reicht dabei von Henri Wieniawskis "Thème original varié, op.15", mit dem der polnische Geiger und Komponist auf einer Tournee in den 1850ern sein deutsches Publikum begeistern wollte, über die selten gespielten kleinen Stücke von Sibelius und den von Joseph Joachim transkribierten ersten ungarischen Tanz von Johannes Brahms bis hin zu der ebenfalls aus der Blüte der bürgerlichen Konzertsaalkultur stammenden "Carmen Fantasie, op.25" des spanischen Geigers Pablo de Sarasate, die als leidenschaftlicher Rundumschlag durch Bizets Melodienkosmos ein Höchstmaß an musikalischer Kompetenz erfordert. Nicht weniger anspruchsvoll waren auch die verschiedenen Kabinettstücke, die der österreichische Geigenmeister Fritz Kreisler komponierte. Rund neun Jahre nach dem gefeierten CD-Decca-Debüt wagte sich Bell abermals an ein Duo-Programm und nahm mit Paul Coker am Klavier 19 Stücke von Kreisler auf, auch hier ein weit variiertes Spektrum stilistischer Möglichkeiten vom "Präludium und Allegro" im Stil von Gaetano Pugnani aus dem 18. Jahrhundert bis hin zu Ragtime-Andeutungen im schnippischen "Syncopation".

Wie eng die musikalischen Ausdruckswelten miteinander verknüpft sein können, zeigt der fünfte Teil der 10CD-Edition mit wegweisenden Aufnahmen Joshua Bells. Er widmet sich der französischen Kammermusik der Romantik und des Impressionismus' und weist schon in der Auswahl der Stück innere Beziehungsstrukturen auf. Als Gariel Fauré etwa seine erste Violinsonate konzipierte, war er von seinem Mentor Camille Saint-Saëns gerade soweit auf den Weg gebracht worden, dass er es wagte eine eigene musikalische Stimmung zu entwickeln. Die wiederum wurde von dem belgischen Geiger Eugène Ysaye sehr geschätzt, der rund ein Jahrzehnt nach Faurés Werk die beeindruckende Violin-Sonate von César Franck dem belgischen Premierenpublikum vorstellte. Frank wiederum gehörte zu den Lehrern von Claude Debussy, der sich sein Leben lang für dessen Musik begeistern konnte, aber erst kurz vor seinem Tod 1918 ebenfalls eine Geigensonate vorlegte, die kontrastreicher kaum sein könnte. Ernest Chausson wiederum wurde von Debussy als eine Art großer Bruder gesehen, der, ebenfalls ein Schüler von Franck, sich mit dem "Konzert in D-Dur für Klavier, Geige und Streichquartett op. 21" ein Denkmal setzte. Maurice Ravel schließlich wurde als jüngster in dieser Runde der Erbe der Romantik und formulierte sein zeitgenössisches Programm 1914 mit dem "A-moll Trio für Klavier, Geige und Cello".

Dieses bunte Panoptikum der Ausdrucksformen war für Joshua Bell ein ideales Forum, seine Gestaltungskompetenz im kammermusikalischem Rahmen zu präsentieren. Er hatte mit Jean-Yves Thibaudet einen einfühlsamen Partner am Klavier gefunden, eine Kooperation, die für die Aufnahmen von Chausson und Ravel noch um das Takács Quartet und den Cellisten Stephen Isserlis ergänzt wurde. So entstanden wunderbar vielschichtige, sensible Einspielungen eines Repertoires, das Bells Ruf als führender Interpret seiner Generation unterstreichen.